8. September 2021
Reinbek

Zum Einsatz im Ahrtal

Notfallseelsorgerin aus Reinbek berichtet von ihren Erfahrungen

Die Notfallseelsorger waren an der lilafarbenen Jacke zu erkennen Foto: ik

REINBEK „Solche Einsätze kann man nicht üben“, sagt Margarethe Kohl. Die 64-jährige ist Theologin. Seit vielen Jahren arbeitet sie auch als kirchliche Notfallseelsorgerin. Ende Juli war sie mit einem Team von Seelsorgern und Helfern im Ahrtal. „Wir sind mit zwei Gruppen von je sieben Notfallseelsorgern, eine für die Betroffenen, eine für die Einsatzkräfte, gereist“, berichtet sie. Das Team für die Betroffenen stand unter ihrer Leitung.

„Es war bedrückend zu sehen, wie die Lage dort wirklich ist“, sagt sie. Und Margarethe Kohl hat schon viel erlebt: Unfälle, Gewalttaten, Suizide. Erst Stunden vorher habe sie erfahren, dass es in der kommenden Nacht losgehen würde. Mit einer vorgegebenen Packliste bereitete sie die Reise vor, die in Neumünster starte. Vorbei an einem Blumenfeld mit Hinweisschildern „Zum selberpflücken“ ging es in das Krisengebiet. „Von einer Sekunde auf die andere kamen die Müllberge. Große umgestürzte Brückenteile, umherliegende Container und umgekippte Autos ließen ahnen, mit welcher Kraft das Wasser gewütet hat“, sagt sie.

Mit ihren lilafarbenen Jacken waren die Notfallseelsorger erkennbar. Mit Feingefühl stießen sie Gespräche mit den Menschen an. „An einem Platz stand ein Generator, dort konnten die Menschen ihre Handys laden“, erzählt sie. Hier gab es die Möglichkeit in Kontakt zu kommen. Viele öffneten sich. Oder sie berichteten von Nachbarn, die Hilfe bräuchten. „Es war erschreckend, wenn Häuser mit einem Kreuz gekennzeichnet waren, was bedeutete, das dort nichts mehr zu tun war.“
Da auch Brücken zerstört wurden, hatte das technische Hilfswerk (THW) mit einem Ruderboot einen kleinen Fährbetrieb eingerichtet, um Menschen auf die andere Seite des Ufers zu befördern. „Auf dem Boot öffnete ein Mann seine Tasche, in der sich nur ein Plastikblumenstrauß und eine schwarze Kiste befand“. Das sei alles, was er noch habe, berichtete er Margarethe Kohl, die mit ihm zur anderen Seite übersetzte. Gefreut habe sie sich, wenn sie bei Menschen durch die Gespräche Lebensgeister wieder wecken konnte.

Der Schlamm zeige eine grausame Verwüstung. „Es ist kaum noch etwas zu gebrauchen.“ Fotos vom Einsatz gibt es keine. „Unsere Arbeit steht unter dem Dach absoluter Diskretion. Ein Seelsorgegespräch hat auch kein drittes Paar Ohren“, betont Kohl.

Viele Jahre war Margarethe Kohl als Pastorin in Reinbek aktiv. Zuletzt widmete sie sich komplett der Notfallseelsorge. Inzwischen ist sie im Ruhestand. Doch so richtig will sich dieser nicht einstellen. Die Notfallseelsorge ist für sie eine Herzensangelegenheit und so macht sie ehrenamtlich weiter. Und ab und an ist sie auch noch Pastorin, traut Paare, beerdigt Menschen oder tauft ihr eigenes Enkelkind.

Auch interessant