2. September 2021
Glinde

Geschichten von Verfolgung und Angst

Frauen berichten Erschreckendes aus Afghanistan

Afghanistan

Najea und Tarabat Hanim sowie Mahtab Keiany (v.l.) hören Erschreckendes von Verwandten und Freunden aus Afghanistan Foto: Schult

GLINDE Afghanistan unter den Taliban, das sind schon jetzt viele schreckliche und traurige Geschichten, das sind Berichte von Angst, Einschränkungen, Tod und Hilferufen. Das berichten Frauen mit afghanischen Wurzeln bei einer Veranstaltung des Glinder Frauenforums. Regelmäßig telefonieren sie mit Familienangehörigen und Freunden, die weiter in dem asiatischen Land leben.

Was die Herrschaft der Taliban bedeutet, hat Najea Hanim erlebt. Sie hatte studiert und dann unterrichtet. Als die Taliban 1999 nach Kabul einrückten, durfte sie nicht mehr arbeiten, musste im Haus bleiben. Sie floh nach Deutschland. „Die Taliban haben sich nicht geändert“, ist sie überzeugt. Schon jetzt dürften Frauen in einigen Gegenden nicht mehr arbeiten oder studieren und das Haus nicht verlassen. Das haben ihr Verwandte erzählt.

Tochter Tarabat Nanim wächst in Glinde auf. Die 15-Jährige besucht die zehnte Klasse und ist froh, „dass ich nie Krieg erleben musste“. Dennoch ist das Leben für sie zurzeit bedrückend. „Wir bekommen Anrufe aus Afghanistan mit der Bitte um Hilfe“, berichtet sie. „Wir müssen hier raus“, sagten viele Bekannte. „Wir würden so gerne helfen, aber es gibt keinen Weg“, so Tarabat.

Die Taliban wollten erst einmal alle Menschen bestrafen, die mit Ausländern zusammengearbeitet haben oder die sie aus anderen Gründen als Gegner ansehen. „Sie stürmen und durchsuchen jedes Haus. Die Taliban wollen nicht vergeben.“ Die Frauen glauben anderslautenden Beteuerungen nicht. „Was wir hier in den Medien hören, hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun“, ist sich auch Mahtab Keiany sicher, die als 16-Jährige nach Deutschland kam und sich jetzt auf das Abitur vorbereitet.

Sie steht mit ihrem Bruder in Verbindung, der nun als Feind der Taliban gilt und dringend nach einen Weg sucht, aus dem Land herauszukommen. Wie gewalttätig es zugeht, habe sie von der Familie einer guten Freundin erfahren. Die Freundin war zum Flughafen in Kabul gegangen und kam nicht zurück. Sie kam dort um, war so entstellt, dass ihre Familie sie kaum wiedererkannte. Tarabat berichtet von einem Vorfall, bei dem ein Baby der Mutter entrissen und von Taliban gegen die Wand geworfen wurde. „Wo bleibt da die Menschlichkeit“, sagt sie verzweifelt.

Aus Sicht von Marga Flader, Vorsitzende des Vereins Afghanistan-Schulen, bahnt sich noch eine weitere Katastrophe an: „ Ich habe Angst vor einer Hungersnot.“ Die Grenzen seien geschlossen, doch die Bevölkerung sei auf Lebensmittelimporte aus dem Ausland angewiesen. Die Preise hätten sich seit Juli bereits verdoppelt. Viele Afghanen haben kein Geld mehr. Das gilt auch für alle, die noch Ersparnisse haben, denn die Banken sind geschlossen.

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