9. November 2022
Glinde

Eine Streitschlichterin zieht sich zurück

Ingeborg Harringer kandidierte nicht erneut. Bürgermeister bedankte sich für ihren Einsatz

Ingeborg Harringer wurde von ihrem Nachfolger Klaus-Dieter Schulz (r.) und von Bürgermeister Rainhard Zug (l.) im Rahmen der vergangenen Stadtvertretersitzung verabschiedet Foto: Stadt Glinde

GLINDE Fünf Jahre lang war Ingeborg Harringer für Glinde und Umgebung als Schiedsfrau tätig. Nun stellte sie sich nicht erneut zur Wahl.

„Aus Altersgründen“, erklärt die 74-Jährige. Noch ist sie zwar geistig und körperlich fit, doch wie das am Ende der fünfjährigen Amtsperiode sein wird, könne sie nicht absehen. Wenn sie ein Ehrenamt übernimmt, möchte sie das auch die gesamte Zeit vollständig ausfüllen. Das Schiedsamt erfordert unter anderem ständiges Lernen, an mindestens zwei Schulungen pro Jahr müssen die Schiedsleute teilnehmen. Über 20 Schulungen haben Ingeborg Harringer und ihr Stellvertreter Klaus-Dieter Schulz während ihrer Amtszeit besucht. „Man muss zudem sehr viel EDV beherrschen“, erklärt die 74-Jährige. So müsse der Umgang mit dem Formularserver reibungslos klappen. Die Akten für die einzelnen Fälle zu führen sei sehr arbeitsintensiv.

Für Ingeborg Harringer war es nicht das erste Ehrenamt in Glinde und es muss auch nicht das letzte gewesen sein. Wo sie sich in Zukunft engagiert, hat sie jedoch noch nicht entschieden. „Dafür lasse ich mir Zeit“, erklärt sie. Bis dahin werde sie auch weiter gut beschäftigt sein. Sie genießt es Zeit zum Lesen zu haben, und hat noch viele weitere Interessen. So hat sich die Fachangestellte einer Rechtsanwaltskanzlei noch nicht vollständig von ihrem Berufsleben verabschiedet. Sie erledigt weiterhin Schreibarbeiten für ihren ehemaligen Kan zlei-Chef, ebenso wie für eine Stiftung, der er vorsteht. Als Ausgleich treibe sie Sport. Im Sportverein war sie nicht nur ein Mitglied, sie hat sich auch im Vorstand eingebracht. Als Ingeborg Harringer sich als Schiedsfrau anbot, hatte sie gerade ein Amtszeit im Seniorenbeirat hinter sich. „Ich hatte mich ganz naiv beworben“, erzählt sie, ohne genau zu wissen, was auf sie zukommen würde. Es wurde eine erfolgreiche Zeit, in der sie mit ihrem Stellvertreter harmonisch zusammengearbeitet hat. Gemeinsam haben sie bei zahlreichen Streitfällen dazu beigetragen, eine Lösung zu finden.

Der Gang zu Schiedsleuten ist in vielen Fällen, zum Beispiel bei Nachbarschaftsstreit vorgeschrieben. Nur wenn dort keine Lösung gefunden wird, ist der Weg zum Gericht möglich. Die Schiedsleute urteilen nicht, sie versuchen zu vermitteln. „Schlichten statt richten“, sei die Aufgabe. In Glinde geht es dabei häufig um Auseinandersetzungen zwischen Nachbarn von Einzelhausgrundstücken. Pflanzen, die über die Grundstückgrenze wachsen, Bäume, die ihr Laub in Nachbars Garten abwerfen, sorgen für Ärger. Aber auch Anbauten wie Carports oder Wintergärten können für Nachbarschaftsstreit sorgen. Bisweilen sind es recht kleine Dinge, wie einmal die Attrappe einer Überwachungskamera, erinnert sich Harringer. Der Nachbar fühlte sich beobachtet und protestierte. Als die streitenden Parteien bei den Schiedsleuten ankamen, war der Fall schon erledigt, die Attrappe abgebaut.

Alles, außer alltäglich

Eine unerwartete Wendung gab es bei einem, ein paar Zentimeter zu großen, Dachüberbau eines Glashauses. Eine der Parteien kam mit einem Anwalt, der vorschlug, das Bauwerk stehen zu lassen und als Ausgleich werde sein Mandant 1000 Euro an eine soziale Einrichtung spenden. Die Idee kam an, wurde sogar erweitert, auch die andere Partie spendete 1000 Euro für soziale Zwecke. Das war dann schon ein ganz besonderer Ausgang. Es komme durchaus häufiger vor, dass ein Parteien gleich ihre Rechtsanwälte mitbringen. Harringer sieht darin Vorteile, denn Anwälte könnten oft zu einer Lösung beitragen. Aufgabe der Schiedsleute ist das nämlich nicht. Die sollen lediglich vermitteln, damit die streitenden Parteien einen Weg finden, ihre Auseinandersetzung beizulegen.

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