2. Juni 2021
Barsbüttel

Die Geschichte darf nicht sterben

Bundespräsident spricht mit Kirsten Boie über ihr Buch „Dunkelnacht“

Kirsten Boie liest aus ihrem neuen Werk vor Foto: PT

BARSBÜTTEL/BERLIN Um an ein schreckliches Verbrechen am Ende des Zweiten Weltkrieges zu erinnern, luden Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender die Barsbütteler Kinderbuchautorin Kirsten Boie persönlich ins Schloss Bellevue ein.

Per Videokonferenz waren auch Schüler aus dem oberbayerischen Penzberg sowie der amtierende Bürgermeister der Kleinstadt, Stefan Korpan, zugeschaltet. Der Hintergrund ist ein Ernster: Vor 76 Jahren, am 28. April 1945, zwei Tage vor Hitlers Selbstmord, richteten fanatische Nationalsozialisten 16 Bürgerinnen und Bürger in der damals noch jungen Stadt Penzberg hin. Über dieses schreckliche Verbrechen schrieb Kirsten Boie ihren Roman Dunkelnacht. Die jugendlichen Protagonisten Marie, Schorsch und Gustl stehen darin buchstäblich zwischen allen Fronten.
Die Gesprächsteilnehmer gingen während ihres Treffens, das zwei Tage vor der 76.

Jährung des Verbrechens stattfand, unter anderem der Frage nach, welche Bedeutung die Morde von 1945 noch heute für uns haben. Warum ein Gedenken an diese Zeit – auch wenn in diesem Fall der Ort des Geschehens geografisch weit weg von Barsbüttel liegt – nach wie vor so wichtig ist, konnte gerade die jüngere Generation beantworten: Die letzten Zeitzeugen jener Zeit werden in wenigen Jahren leider verstorben sein. Damit verändert sich auch die lebendige Erinnerungskultur in Deutschland. Literatur bietet an dieser Stelle die Möglichkeit, die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Die Novelle Dunkelnacht trägt dazu bei, sich durch ein aktives Erinnern an die dunkelste Zeit der Geschichte, den heute mehr denn je verbreiteten NS-Ideologien und dem leider schon fast gesellschaftsfähigen Populismus und Rechtsradikalismus entgegenzusetzen.

Spurensuche während des Corona-Lockdowns

Die Recherchearbeiten für ihr Buch begannen während des ersten Lockdowns. Ihre Recherche führte sie erst, als das Reisen vergangenes Jahr wieder erlaubt war, an den Ort des Geschehens nach Penzberg. Durch Mitarbeit der Stadtarchivarin Bettina Wutz sind die Geschehnisse und Personen teils nicht nur pure Fiktion, sondern durch Aufarbeitung der Dokumentation der Prozesse gegen die Mörder real. So ist es Kirsten Boie gelungen, auf emotionale und doch sehr klare Weise, ein Spannungsfeld zwischen Gefühlen, politischen Einstellungen und Taten aufzubauen.
Boie ist es bei der Darstellung wichtig, der „jungen Generation keine Schuld zu geben“. Und so ist Dunkelnacht vielmehr ein Werk, das als Aufklärungsmedium zur Aufarbeitung dieser besonders grausamen Ereignisse beiträgt. An die Opfer der Penzberger Mordnacht erinnern heute ein Gedenkstein und ein Raum im Museum.

Plädoyer an den Mut und die Zivilcourage

Erst wenn junge Leute die Orte des Geschehens sehen, oder Zeitzeugen zu ihnen sprechen, dann wird für Jugendliche dieser Teil der Geschichte begreifbar. „Meine Fähigkeit liegt darin, zu schreiben“, sagt Kirsten Boie. Daher war es ihr ein Anliegen, mit dem Buch Dunkelnacht, über die Verbrechen der NS-Zeit zu berichten und der Erinnerungskultur somit ein eindringliches Stück hinzuzufügen.

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