14. Juli 2021
Glinder Zeitung

Auch über schwierige Themen offen reden

Interview mit Bürgervorsteher Martin Radtke

Bürgervorsteher Martin Radtke Foto: Schult

Bürgervorsteher Martin Radtke Foto: Schult

GLINDE Die Pandemie ist noch nicht vorbei, doch in die Stadt kehrt wieder öffentliches Leben ein. Hat sich Glinde im Lockdown verändert, welche Entwicklungen zeichnen sich ab? Darüber und über etliche weitere Themen sprach Barbara Schult, freie Mitarbeiterin der Glinder Zeitung · Sachsenwald mit Bürgervorsteher Martin Radtke.

Glinder Zeitung: Was hat Corona aus Ihrer Sicht mit Glinde gemacht. Was waren die gravierenden Beeinträchtigungen?
Martin Radtke: Die Kultur und das Miteinander haben sehr gelitten. Vor allem beim ersten Lockdown waren viele Spannungen zwischen den Bürgern zu bemerken. Das habe ich zum Beispiel beim Einkaufen wahrgenommen. Man hat schon vieles vermisst und sich eingesperrt gefühlt.

GZ: Sehen Sie auch positive Auswirkungen, können wir etwas aus der Pandemie lernen?
Radtke: Wir wissen jetzt auf jeden Fall, dass wir mehr auf unsere Gesundheit achten müssen. Wir können da im Umgang mit anderen mehr Fingerspitzengefühl beweisen. Es war auch viel Hilfsbereitschaft zu bemerken. Ich befürchte allerdings, dass viele schnell in den normalen Trott zurückgehen. Abgesehen sicher von jenen Mitmenschen, die grundsätzlich engagiert und hilfsbereit sind.

GZ: Ist durch das Ortsmittekonzept ein Imagewechsel für Glinde zu erwarten, da die Stadt ja immer noch den Ruf hat, vor allem Menschen in prekären Verhältnissen zu beherbergen?
Radtke: Unbedingt, denn wir haben ja ein breites Spektrum an Einwohnern, auch der gehobene Mittelstand ist hier vertreten. Rund um den Marktplatz muss sich allerdings einiges ändern. Er macht den Eindruck als seinen wir in den 70er Jahren stehen geblieben. Das müssen wir ändern und zudem für bezahlbaren Wohnraum in der Ortsmitte sorgen.

GZ: Als der Thor Steinar-Laden eröffnete, hat sich eine große Koalition der Demokraten gebildet. Hat sich „Glinde gegen rechts“ erneut bewährt, als es unlängst um das rechtsradikale Mitglied bei der Feuerwehr ging?
Radtke: Das Bündnis gegen Rechts wurde nie aufgelöst. Es besteht weiter und wurde schnell wieder aktiviert. Wehret den Anfängern heißt es bei uns. Wenn es auch nur einen leisen Hauch von rechtsradikalem Gedankengut gibt, muss man dagegen mit allen legitimen Möglichkeiten angehen.

GZ: Die Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur vor allem mit Sönke Nissen wurde vor der Corona-Pause heiß diskutiert und soll bald wieder aufgenommen werden. Für wie wichtig halten Sie die Debatte?
Radtke: Für mich ist klar, wir sollten die Vergangenheit nicht verschweigen sondern offen und ehrlich darüber diskutieren. Was dabei herauskommt, ob das Umbenennen zum Beispiel von Straße, Schule und Stiftung sinnvoll ist, zeichnet sich für mich noch nicht ab.

GZ: Welchen Stellenwert hat das vom Geschichts-Arbeitskreis gewünschte Denkmal für die Zwangsarbeiter in Glinde?
Radtke: Das hat einen ganz hohen Stellenwert. Wir dürfen nie vergessen, was von 1933 bis 1945 passiert ist. Wenn wir das nicht weiter vermitteln, befürchte ich, dass wir irgendwann wieder an so einem Punkt stehen. Aus diesem Grunde müssen wir die Erinnerung an dieses Unrecht aufrechterhalten.

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