15. Januar 2022
Schwarzenbek

Urlaub vor der Haustür immer beliebter

Reisebranche verzeichnet massiven Umsatzrückgang, Fernreisen werden verhalten gebucht

Rudolf, Gabriele und Daniel Neumann stellen in ihrem Reisebüro fest, dass es ein großes Interesse der Kunden an einer Auszeit gibt Foto: Stefan Huhndorf

Rudolf, Gabriele und Daniel Neumann stellen in ihrem Reisebüro fest, dass es ein großes Interesse der Kunden an einer Auszeit gibt Foto: Stefan Huhndorf

SCHWARZENBEK Die schon mehr als eineinhalb Jahre andauernde Corona-Pandemie trifft die Reisebranche das zweite Jahr in Folge hart: Mit einem Umsatzrückgang von 69 Prozent gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2019 zeigen sich erneut dramatische Einbrüche. „Das ist ein Minus von fast 12 Milliarden Euro“, sagte der Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), Norbert Fiebig.

Vor die Wintersaison mit einem Umsatzrückgang von 94 Prozent gegenüber dem Winter 2019/2020 schlage hier zu Buche, so Fiebig. Fernreisen seien lange Zeit nicht oder kaum möglich gewesen. Die Zahlen stammen aus einer Analyse des Marktforschungsunternehmens Travel Data + Analytics (TDA).

Diese Entwicklung bestätigt auch Günter Schmidt, Geschäftsführer der Herzogtum Lauenburg Marketing und Servicegesellschaft (HLMS). „Fernreisen waren lange nicht möglich, oder die Menschen hatten Bedenken wegen einer möglichen Quarantäne. Urlaub in der Region liegt deshalb im Trend“, so Schmidt.

Auch die hohen Benzinpreise spielen eine Rolle. „Wir haben bei den Übernachtungen im Kreis erheblich zugelegt. Allein in den Hotels hatten wir 437.840 Übernachtungen, ein Plus von 12,6 Prozent“, so der Touristiker. Die Durchschnittsdauer der Kurzreisen liegt bei 3,9 Tagen. Das ist nicht viel weniger als der Landesdurchschnitt mit 5,1 Tagen, in dem aber auch längere Aufenthalte von Touristen an Nord- und Ostsee mit einfließen.

Reisebüros im Dilemma

Während Schmidt frohlockt, sieht es bei den klassischen Reisebüros anders aus. Beispiel Schwarzenbek. Hier werben Anja Jost und die Familie Neumann mit ihren Büros um die Gunst der Kunden. „Normalerweise hätte ich jetzt keine Minute Zeit für ein Interview. In der Zeit von November bis Februar herrscht bei uns Hochkonjunktur, weil die Menschen jetzt ihren Jahresurlaub buchen würden. Vor einem Jahr hatte ich drei Mitarbeiterinnen, jetzt bin ich allein“, sagt Anja Jost, die die „Reise Lounge“ an der Seestern-Pauly-Straße betreibt.

„Wir haben die Drei-C-Phase hinter uns. Erst kam die Pleite von Anbieter Thomas Cook, dann der Sturm Carina auf den Kanaren und dann Corona. Mittlerweile bin ich allein und habe mir mit dem Verkauf von Gewürzen, Gin und Tee ein zweites Standbein aufgebaut“, sagt Anja Jost. Diesen Bereich will sie auch ausweiten und Themenabende anbieten, bei denen es beispielsweise Gin-Tastings und Reiseangebote gibt.

Das Verhalten der Kunden hat sich in der Corona-Zeit deutlich verändert. Sie buchen entweder sehr kurzfristig eine bis zwei Wochen vor dem Abflug oder auch sehr langfristig für Kreuzfahrten oder Fernreisen im Jahr 2023. „Topreiseziele sind Griechenland, Malediven oder die USA. Viele Kunden legen Wert darauf, dass sie auch noch relativ kurzfristig stornieren können, wenn sich die Corona-Lage verschärft“, erzählt die Reiseverkehrskauffrau, die seit sechs Jahren in Schwarzenbek selbstständig ist.

Reisesehnsucht

„Die Kunden wollen gerne verreisen. Es gibt eine Sehnsucht nach einer Auszeit. Aber die Wertigkeit einer Urlaubsreise ist gestiegen. Es kommt mehr auf Qualität als auf den Preis an. Es kommen auch viele Neukunden, die bislang im Internet gebucht haben, weil sie Beratung und einen Ansprechpartner bei Problemen schätzen“, sagt Anja Jost.

„Die Kunden haben einen Nachholbedarf nach der Pandemie. Griechenland, Türkei und Ägypten sind stark nachgefragt. Aber die Nachfrage ist wegen der neuen Omikron-Variante verhalten“, sagt Rudolf Neumann, Inhaber des gleichnamigen Reisebüros an der Lauenburger Straße in Schwarzenbek.

Es gäbe aber bei jedem Anbieter sogenannte „Flexitarife“, die ein kurzfristiges Umbuchen oder eine Stornierung ermöglichten. „Man muss bereit sein, kurzfristig ein anderes Ziel auszuwählen, wenn es die Corona-Lage erfordert“, sagt Rudolf Neumann.

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