3. April 2021
Billstedt

Wege aus der Gewaltspirale finden

Gewalt in Partnerschaften hat in Zeiten von Corona stark zugenommen

Sehenswert: Die Ausstellung in der Elternschule Fotos: Karen Grell

BILLSTEDT/HORN Eine Frau kommt mit einem blauen Auge zur Arbeit und hat sich – angeblich – gestoßen. Ein Kind findet sich völlig verängstigt in einem Spielhaus ein. Offensichtlich war in beiden Fällen Gewalt im Spiel. Solche Taten nehmen seit Corona stark zu. Experten sagen, jeder kann etwas dagegen tun.

Gerade hat das Bezirkamt Mitte eine große Konferenz zu Handlungsansätzen bei Partnerschaftsgewalt veranstaltet. Sozialdezernentin Sabine Wenzel vom Bezirksamt Mitte weiß zwar, dass ihr Amt direkt gar nicht zuständig wäre, aber schon 2014 kam das Thema auf den Tisch und es gab die Absicht, Frauen zu stärken und den Schulterschluss mit Kinder- und Jugendeinrichtungen zu suchen.

Mirjam Hartmann vom Jugendamt ergänzt, 22 Prozent der Frauen seien von Partnerschaftsgewalt betroffen. Im letzten Jahr habe es – bezogen auf den Bezirk Mitte – 1.733 Meldungen der Polizei nach entsprechenden Einsätzen gegeben, „sieben je Arbeitstag“. Seit Corona steigen die Zahlen. Das Thema ist, so Dezernentin Wenzel, nicht auf eine bestimmte Gruppe der Gesellschaft beschränkt: „Das ist wirklich ein Querschnitt, mit dem wir zu tun haben.“ Prof. Sabine Stövesand von der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW): „Es geht um die Qualität eines Gemeinwesens“. Wenn Männer einmal Opfer sind, seien auch in diesen Fällen Männer die Täter. „Ein hoher Prozentsatz meldet sich nicht“, sagt die Wissenschaftlerin und spricht von zwei Dritteln der Taten. Betroffene Frauen würden isoliert, sie fühlten sich zuständig und trennten sich nicht. Die fünf Hamburger Frauenhäuser seien „immer voll“.

Gewalt unterbrechen

Was kann man tun? Gewalt müsse unterbrochen, alle ins Boot geholt werden. Im Bezirk Mitte gibt es – in Horn und Wilhelmsburg – das Projekt Stadtteil ohne Partnerschaftsgewalt (StoP). Es werden nicht nur Flyer und Plakate verteilt, sondern es gibt auch eine handliche Postkarte, die man weitergeben und „nicht einfach anonym verteilen“ kann. Celebi Züleyha von StoP Horn: „Was die Arbeit ausmacht, ist der Mensch“. StoP ist in der Elternschule Horner Geest zu finden. Unter die Haut gehen die Bilder einer Kunstgruppe, die mit betroffenen Frauen veranstaltet wurde. Zuleyha macht an Horns Grenzen nicht Halt, sie kümmert sich auch um Nachrichten aus Billstedt und Mümmelmannsberg.

Bezirksamtsmitarbeiter Christoph Karmann berichtet seinerseits von einer automatisierten Schnittstelle mit der Polizei. Bei Meldungen sucht der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) die entsprechende Familie auf – meistens sind Ausflüchte oder Entschuldigungen zu hören. Max Evers von der Kinderschutzbund-Beratungsstelle in Borgfelde kann mit seinen Leuten anders agieren: Er setzt auf Vertrauensschutz und langfristige Arbeit mit den Familien. „Das ist ein langer Prozess“, sagt er, „zehn bis 20 Termine oder mehr“.

Und was kann man zu hause tun, wenn aus der Nachbarwohnung Schreie zu hören sind? Prof. Stövesands Antwort ist einfach: Hingehen und etwas ausleihen – für die Küche oder Werkzeug.

Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: Tel.: 08000 / 116 016, Zentrale Notaufnahme der Hamburger Frauenhäuser (rund um die Uhr: Tel. 040/800 041 000) StoP Horn: Elternschule Horner Geest Spliedtring 44, Tel. 653 13 82 Beratungsstellen und weitere Infos: https://www.hamburg.de/opferschutz/

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