28. August 2021
Bergedorf

In dieser Hütte geht es ums Leben

Live Performance lädt zum Mitmachen ein

Die Schauspielerinnen Herma Koehn (li.) und Linnea Vogel laden in die „Overwerder“ Hütte ein Foto: privat

Die Schauspielerinnen Herma Koehn (li.) und Linnea Vogel laden in die „Overwerder“ Hütte ein Foto: privat

BERGEDORF Sie ist 15 Quadratmeter groß, mit Bildern und Texten bestückt und einer Overwerder Hütte nachempfunden: die Holzhütte, die seit Dienstag auf dem Johann-Adolf-Hasse-Platz steht. Sie ist der Schauplatz eines hamburgweiten Projekts der Künstlergruppe Wilske, Simoneit & Friends, das am Dienstag, 31. August, in Bergedorf Premiere hat.

Die Theaterregisseurin Judith Wilske liebt es, ein neues Verhältnis zwischen Zuschauer und Schauspieler aufzubauen. Das hat sie schon bei ihrem Stück „Du/die Stadt“ bewiesen. Diesmal erleben die Hamburger Zuschauer experimentelles Theater allerdings nicht während eines Spaziergangs, sondern in einer Hütte.

In dem neuen Stück „Über/Leben“ schlüpfen die Schauspielerinnen Herma Koehn und Linnea Vogel in die Rolle der Ursel R. Die gibt es wirklich. Die alte Dame wohnt in Bergedorf, hält sich hauptsächlich in Overwerder an der Elbe auf und ist in Barmbek geboren. „Die 93-Jährige hat so ziemlich alles erlebt“, sagt Judith Wilske und zählt die Stationen ihres Lebens auf: „Zweiter Weltkrieg, Verlust des Familienheims, Umsiedlung in eine Hütte in Overwerder, Tod des Bruders durch Ertrinken in der Elbe, nicht erfüllter Traum als Farmerin in Afrika, Ausbildung zur Hauswirtschafterin in Vierlanden, ernüchternde Beziehung zu einem verheirateten Mann, Tod der Eltern, Arbeitslosigkeit, Neustart in Schweden als Haushälterin und Kindermädchen, sieben glückliche Jahre in der Familie mit Partner Armin aus der Schweiz, Umzug in die Schweiz mit der Erkenntnis, dass deutsche Frauen nicht gern gesehen sind. Ende der Beziehung, Fremdenfeindlichkeit, Angebot des Jugendfreundes Willy, in Hamburg aus pragmatischen Gründen eine Ehe einzugehen. Tausch von Leidenschaft gegen Sicherheit.“

Anlass war die Biografie

Die beeindruckende Biografie der 93-Jährigen nahm das Künstlertrio zum Anlass für seine Live Art Installation im öffentlichen Raum. Das Thema „Menschliche Strategien der Krisenbewältigung“ mit seinem hochaktuellen Bezug zur Corona-Zeit beschäftigt die Menschen in Hamburg und überall woanders auch momentan sehr, sagt die Regisseurin. „Unsere Generation erlebt zum ersten Mal eine große private und gesellschaftliche Krise“, sagt sie. „Deshalb möchten wir mit unserem Projekt anhand dieses Frauenlebens Zuschauer aus der Gegenwart einladen, über menschliche Strategien im Umgang mit Krisensituationen nachzudenken.“

Spiel ohne Drehbuch

Während die Schauspielerin Linnea Vogel die junge Ursel R. spielt, stellt Herma Koehn sie in fortgeschrittenem Alter dar. Ein festgelegtes Drehbuch gibt es nicht. Die halbe Stunde, in der zwei Gäste zugleich in der Hütte verweilen, gestalten die Schauspielerinnen spontan und im Austausch mit den Gästen. Das kann sehr spannend werden, weiß Judith Wilske: „Je nachdem, wie sich der Zuschauer auf den Dialog zur Biografie und das Leben der Ursel R. einlässt, können auch bei ihm Fragen für sein eigenes Leben entstehen. Es geht hier um etwas sehr Persönliches – die Beziehung zwischen Schauspieler und Zuschauer.“

Wer diese Herausforderung annehmen und einen 30-Minuten-Besuch in der Hütte buchen möchte, meldet sich
an unter T 0176 / 771 844 43. Termine gibt es von 11 bis 13 und 15 bis 17 Uhr am 31. August, 1. und 2. September
Außerhalb der Live Performance-Zeiten kann die Hütte zwischen 10 und 18 Uhr besucht und besichtigt werden. Die Teilnahme ist kostenlos.

Wer kein Zeitfenster ergattert hat:
Als nächstes macht die Hütte Station auf dem Altonaer Balkon (4. bis 7. September), im Quartierspark Mitte Altona (12. bis 15. September) und in Wedel (17. bis 19. September). Danach ist sie im Museum der Arbeit im Rahmen der Ausstellung „Konflikte“ zu sehen (vom 3.11.21 bis 8.5.22) mit Live-Performance am 6. und 7. November.

 

Die Hamburger Regisseurin Judith Wilske Foto: privat
Die Hamburger Regisseurin Judith Wilske Foto: privat

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