30. April 2022
Wandsbek

Gefangen im Reich der „Euroräuber“

Ehemals Spielsüchtiger unterstützt den Bezirk

Spielsucht sorgt nicht nur im privaten Bereich für vielerlei Schwierigkeiten und Probleme Foto: GettyImages

WANDSBEK Es ist 50 Jahre her, da fing es an mit der Spielsucht. Damals war Gerd Müller, so nennt sich der ehemals spielsüchtige Einwohner aus dem Bezirk Wandsbek, 15 Jahre alt. Vor fünf Jahren hat er sich von dieser Krankheit befreit. Jetzt möchte er anderen Menschen helfen, nicht in die Sucht hinabzugleiten.

Durch die Spielsucht verlor er als junger Mann mehrere 100.000 D-Mark. Nach der Einführung des Euro kamen mehrere 100.000 Euro dazu. Genau k0ann er die Summe, die er vor allem an illegalen Spielautomaten verlor, nicht angeben. Nachdem er kürzlich erfuhr, dass sich die Bezirkspolitiker in Wandsbek dafür einsetzen, eine Task-Force gegen illegales Glücksspiel einzurichten, möchte er diesen Antrag, der von der CDU eingereicht wurde, unterstützen. In Hamburg gelten rund 10.000 Menschen als spielsüchtig. Die Dunkelziffer dürfte höher sein.

Dem Hamburger Wochenblatt schilderte Gerd Müller die Geschichte seiner Sucht. Die Gefahr lauerte auf ihn auf dem Weg zu seiner Schule in Wellingsbüttel. Dort befand sich eine Kneipe, in der der Wirt Spielautomaten aufgestellt hatte. Gerd Müller verspielte dort auf dem Heimweg sein Taschengeld. Im Volksmund wurden die Automaten „Groschengräber“ genannt.

Dass das Spielen an Automaten erst ab 18 Jahren erlaubt war, interessierte den Wirt nicht – er war ja an den Umsätzen beteiligt.
Im Elternhaus wurde die Spielsucht des Jungen nicht bemerkt. Die wohlhabenden Eltern arbeiteten viel in der eigenen Firma, hatten wenig Zeit für ihr einziges Kind. Es fiel nicht auf, dass in den Portemonnaies der Eltern mal 50- oder mal 100-Markscheine fehlten. Geld, mit dem der Junge zum Spielen ging.

Müller: Hätten meine Eltern damals meine Spielsucht erkannt und für mich Hilfe gesucht (die es auch damals schon gab), wäre mir vieles erspart geblieben.“ Das Umfeld wechselte, aber die Spielsucht blieb: Gerd Müller absolvierte eine Lehrzeit zum Einzelhandelskaufmann, ging zur Bundeswehr, wurde Vertreter für hochwertige Geschenkartikel. Um an mehr Geld zu kommen, arbeitete er nebenbei als Gärtner und als Diskjockey. Der gesamte Verdienst landete in Automaten. Müller: „Sobald ich Geld in den Fingern hatte, hat es mich gejuckt, in die Spielhalle zu gehen. Ich war wie in Trance, ließ Termine sausen und verließ die Halle erst, wenn alles Geld weg war.“

Er heiratete. Mit Hilfe der Eltern wurde ein Haus gebaut. Die Sucht aber verschwand nicht. Die Ehefrau, eine Juristin, bemerkte seine Spielsucht, nachdem auch ihr Geld in der Brieftasche fehlte. Der suchtkranke Ehemann bestahl die eigene Gattin. In der Firma klaute er Briefmarken. Nie wurde er belangt. Er sagt: „Wäre ich vor Gericht gekommen, hätte mich das vielleicht zur Einsicht gebracht.“

Mit den Jahren benötigte er immer mehr Geld, denn auch das Glücksspiel wurde teurer, vor allem die illegalen Automaten.
Gerd Müller: „Die illegalen Automaten schlucken zwei Euro pro Spiel. Die Spieldauer liegt bei drei Sekunden. Da sind in wenigen Minuten locker 1000 Euro verspielt. Es sind raffgierige Euroräuber!“

Auf Wunsch der Gattin begab er sich in Therapie, wurde sogar mehrere Wochen in der psychiatrischen Klinik in Ochsenzoll behandelt. Es half nicht. Müller ging weiter in Spielhallen. Das Ehepaar trennte sich. Vor rund 20 Jahren fand er eine neue Partnerin. Doch auch sie wurde belogen und bestohlen. Vor fünf Jahren stellte sie ihn dann vor die Wahl: „Entweder ich oder die Automaten!“ Die Liebe siegte. „Die Vorstellung, den Lebensabend statt mit einer geliebten Person mit Spielautomaten zu verbringen, war furchtbar. Ich mache seitdem einen weiten Bogen um Spielhallen“, erläutert Gerd Müller.

Härtere Maßnahmen beschlossen
In einer Sitzung des Hauptausschusses der Bezirksversammlung Wandsbek wurde am Montag dieser Woche beschlossen, die Maßnahmen gegen das illegale Glücksspiel zu verstärken. Rechtsverstöße sollen konsequent verfolgt werden. Die Verwaltung soll in einem Jahr über den Erfolg der Maßnahmen berichten. (je)

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