11. September 2021
Wandsbek

„Der Alltag ist von Angst geprägt“

Ein Interview mit Tahira Sayed Abdul Hamid über die Lage in Afghanistan

Tahira Sayed Abdul Hamid hat in Afghanistan als Dolmetscherin gearbeitet. 2014 ist sie geflohen, weil sie für ihre Tätigkeit verfolgt wurde Foto: Grell

WANDSBEK In Afghanistan sind die Taliban zurück – und das nach fast 20 Jahren Intervention der Bundeswehr und der Nato. Die afghanische Republik ist Geschichte, und das „Islamische Emirat Afghanistan“ der Taliban hat wieder die Macht übernommen.

Hunderttausende versuchen deshalb in diesen Tagen aus dem Land zu fliehen und bangen um ihr Leben, darunter auch Ortskräfte der Bundeswehr. Die afghanische Dolmetscherin Tahira Sayed Abdul Hamid kam bereits 2014 nach Deutschland, weil sie als Dolmetscherin bei der Bundeswehr arbeitete und dafür häufig bedroht wurde. Bei einer Veranstaltung auf dem Wandsbeker Marktplatz der Partei Die Linke berichtete die Dolmetscherin über die aktuelle Lage im Afghanistan. Das Hamburger Wochenblatt konnte vor Ort mit ihr sprechen.

Wochenblatt: Frau Abdul Hamid, Sie stehen im engen Kontakt mit Ihren Angehörigen in Kabul und der Provinz Mazeri-Sharif, wie sieht die Lage aktuell in Afghanistan aus?

TSAH: Der Alltag ist erschreckend und von Angst geprägt. Die Frauen trauen sich nicht, ihre Wohnungen zu verlassen, und man muss leider sagen, dass alles, was sich in 20 Jahren für die Menschen, insbesondere auch die Frauen, dort verbessert hat, in nur wenigen Tagen zunichtegemacht wurde.

WB: Welche Verbesserungen waren das genau, die in 20 Jahren erreicht wurden?

TSAH: Frauen konnten auch über die 6. Klasse hinaus zur Schule gehen und studieren, durften am Sport teilnehmen und allein zum Einkaufen auf den Markt gehen. Auch Autofahren und das Recht zu wählen waren längst eine Selbstverständlichkeit.

WB: Wie sieht das jetzt nach der Machtergreifung der Taliban aus?

TSAH: Die Frauen sitzen in den Häusern und haben große Angst. Die Taliban dulden keine Frauen auf den Straßen, die nicht komplett verhüllt und in Begleitung eines Mannes unterwegs sind. Wer gegen diese Anordnungen verstößt, wird öffentlich geschlagen. Meine Nichte ist mit dem Fahrrad zur Schule gefahren, sie ist in der 8. Klasse und wurde unter Schlägen gezwungen umzukehren. Sie darf die Schule jetzt nicht mehr besuchen. Wer als Frau allein unterwegs ist, muss bestraft werden, so sieht es die Regierung jetzt vor.

WB: Warum wehren sich die Männer nicht gegen diesen Rückschlag in der Entwicklung der Gesellschaft?

TSAH: Männer, die ihre Frauen darin unterstützen, sich die Freiheiten zu nehmen, die sie in den letzten zwei Jahrzehnten erkämpft haben, werden ebenfalls bestraft. Alle leben jetzt in ständiger Angst. Deshalb ist die Welle der Flüchtenden ja auch so groß.

WB: In den Medien präsentieren sich die Taliban offen gegenüber den Rechten der Frauen, versprechen sogar, diese in den Kreisen der Regierung mit einzubinden und sie nicht am Studieren und Arbeiten zu hindern. Was ist Ihrer Meinung nach dran an diesen Versprechungen?

TSAH: Das halte ich für eine geschickte politische PR für die Taliban und ganz ehrlich für eine Lüge. Die Frauen werden von ihnen nicht als vollwertige Menschen, sondern als der Besitz des Mannes angesehen. Da wird es keine Rechte für Frauen geben, schon gar nicht, um Bildung zu erlangen. Wir rutschen zurück in die alten Zeiten, als Frauen in den Häusern wie Sklavinnen gehalten wurden.

WB: Wie geht es für die Menschen in Afghanistan jetzt weiter, was wäre Ihre Hoffnung?

TSAH: Wichtig wäre, dass die neue Regierung in keinem Fall anerkannt wird und die Versprechungen als unwahr enttarnt werden. Für mich persönlich hoffe ich, dass noch Angehörige fliehen können. In den letzten Tagen habe ich ständig am Telefon und am Computer gesessen und war im Kontakt mit meiner Familie. Meine Nichte konnte bereits in die USA ausreisen, wie es mit den anderen weitergeht, bleibt leider ungewiss. Es ist eine schreckliche Zeit, und wir alle hoffen, dass die Welt nicht wegschaut.

Auch interessant