13. Mai 2020
Ausgabe Wandsbek

Als der „Flecken“ erhoben wurde…

Vor 150 Jahren wurde Wandsbek unter großem Getöse zur Stadt erklärt

Die Wandsbeker Marktstraße (Hohe Königstraße) 1885. Neben Kutschen verkehrte schon die Dampf- Straßenbahn, im Volksmund „Plätteisen“ genannt Bilder aus dem Buch „Der Wandsbeker Markt“ von Helmuth Fricke

WANDSBEK  Der 1. Juni ist ein bedeutsames Datum für Wandsbek. Am 1. Juni 1870 wurde Wandsbek von einem „Flecken“ zur Stadt erhoben.
Damals Grund für eine gewaltige Feier.
„Die junge Stadt erscheint zur Feier dieses Tages in einem festlichen Gewande“, schrieb Friedrich Puvogel (1836–1907), der dem ersten
Stadtverordneten-Kollegium angehörte. Die Häuser der Stadt waren mit Flaggen und Girlanden geschmückt. Auf dem Marktplatz wurden
Kanonenschläge gelöst. Es war das erste große Getöse in der neuen Stadt.

Wandsbek, am Rande von Hamburg gelegen, hatte davor über vier Jahrhunderte zu Dänemark/Holstein gehört. Schon lange bevor Wandsbek
zur Stadt wurde, war der Ort durch den Dichter Matthias Claudius berühmt geworden. Er hatte den „Wandsbecker Bothen“ herausgegeben, eine kleine Zeitung,
für die viele der bedeutendsten deutschen Dichter jener Zeit, u.a. Lessing und Klopstock, Herder und Goethe, Beiträge schrieben.

Als Matthias Claudius im Jahre 1770 nach Wandsbek kam, zählte der Ort knapp 1000 Einwohner. Hundert Jahre später waren es dann bereits 10.897 Einwohner.
Damit hatte Wandsbek die erforderliche Zahl, um die Stadtrechte zu erhalten. Hinter Altona, Kiel und Flensburg war es damals die viertgrößte Stadt in Schleswig-Holstein.

Gekämpft und gewonnen

Zuvor hatten im „deutsch-dänischen Krieg“ (1864) Preußen und Österreich um die Herzogtümer Schleswig und Holstein gegen die Dänen gekämpft und gewonnen.
So kam es, dass das Herzogtum Holstein (und damit auch Wandsbek) vorübergehend sogar unter österreichischer Verwaltung stand.

Der Streit über die Zukunft Schleswig-Holsteins führte jedoch im Sommer 1866 zum „Deutschen Krieg“ zwischen Österreich und Preußen.
Nach dem preußischen Sieg gehörte dann ganz Schleswig-Holstein zu Preußen. Wandsbek wurde somit eine preußische Stadt.

Ein Schwan als Zeichen

Erster Bürgermeister der Stadt Wandsbek wurde Wilhelm Lesser (1812–1889). Einer der wichtigen Punkte auf der ersten Sitzung des
Magistrats ist die Entscheidung über die Gestaltung des Stadtwappens. Die Magistratsmitglieder einigen sich auf ein Wappen mit den
Symbolen des Dichters Matthias Claudius. Das mit einem Eichenkranz umrankte Wappenschild enthält Hut, Stock und Tasche des „Wandsbeker Boten“. Dazu ein Schwan in Kampfstellung.

Der Schwan soll die Verbundenheit von Wandsbek zum Kreis Stormarn ausdrücken. Drei Jahre später wurde Wandsbek sogar Verwaltungssitz des Landkreises Stormarn.
Durch die Förderung von Gewerbe, Handel und Industrie war Wandsbek ein wohlhabender Ort geworden. In seiner ersten Ansprache betonte Bürgermeister Lesser,
dass die Stadt künftig auch ernste Pflichten übernehmen müsse, die sich vor allem auf den öffentlichen Schulunterricht und die Armenpflege erstrecke.

Ende des Jahres 1870 hatte Wandsbek fünf Schulen. In zehn Klassen wurden von zehn Lehrern 651 „Knaben“ unterrichtet. Den 505 Mädchen standen
fünf Klassen und fünf Lehrer zur Verfügung. Die Lehrer der Wandsbeker Fabrikschule (eine Art Gewerbeschule) beklagen jedoch damals noch „Kinderarbeit“ in Wandsbek.

Die Kinder in ihrer Schule seien kaum lernfähig, weil sie in den Fabriken übermäßig beansprucht würden. So mussten die Kinder neben dem Schulunterricht zum
Beispiel in einer Pappfabrik werktags manchmal bis zu neun Stunden und sonntags teilweise bis zu sechs Stunden arbeiten.

Auch von Epidemien mit Viren blieb die junge Stadt nicht verschont. Im Jahre 1870 waren die Pocken (Blattern) aus Hamburg eingeschleppt worden.
Die Krankheit breitete sich im Laufe der Monate weiter aus. Es musste eine eigene Station für Blatternerkrankungen eingerichtet werden. Zur Eindämmung der Epidemie musste
jeder Krankheitsfall Gesundheitsamt und Polizei angezeigt werden. 1871 wurden 344 Kranke gezählt, von denen 43 starben.

Trotz Anti-Pocken-Impfung gab es 1872 noch 42 Blatternkranke von denen sechs starben. Eine eigenständige Stadt blieb Wandsbek nur 67 Jahre. 1937 erfolgte die
Eingemeindung durch das Groß-Hamburg-Gesetz der Nationalsozialisten. Deshalb und wegen der Corona-Pandemie findet eine große Würdigung des Wandsbeker Stadtjubiläums
dieses Jahr nicht statt. Vielleicht gibt es im kommenden Jahr ein Fest. Dann kann Wandsbek sein 725-jähriges Ortsjubiläum feiern.

Das Haus an der Königstraße 11 diente der jungen Stadt als erstes Rathaus

Ein Gedenkstein mit dem ersten Wappen der „Stadt Wandsbek“ steht im Botanischen Sondergartenw
Foto: je

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