6. Februar 2021
Ausgabe Langenhorn

Draußen vor der Tür – über die Distanz Nähe schaffen

Die große Herausforderung der Bahnhofsmission

Bahnhof

Auf seinem Rundgang durch den Hauptbahnhof hält der ehrenamtliche Mitarbeiter Wolfgang Heitmann Ausschau nach Menschen, die Hilfe brauchen Fotos: Gehm

HAMBURG Brennpunkt Bahnhof. Galt der Hamburger Hauptbahnhof 2019 mit rund 537.000 täglichen Besuchern und Reisenden als meist frequentierte Bahnstation Deutschlands, sind die Fernverkehrszüge laut Deutscher Bahn jetzt im Schnitt nur noch zu ca. 20 Prozent ausgelastet. Trotzdem ist das Team der Bahnhofsmission im Dauereinsatz. 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr. Für Gestrandete, Obdachlose, Umsteiger.

Vor dem blauen Container sitzt eine fünfköpfige Gruppe und trinkt Tee, die Kinder spielen in der Sonne. Im Fenster lehnt eine Frau, unterhält sich mit dem Vater. Eine entspannte Szene. Wenn es sich bei Familie A. nicht um Flüchtlinge aus Nigeria handeln würde, die dringend Unterstützung sucht bei der Bahnhofsmission auf ihrem Weg in die zweiwöchige Quarantäne bei Fallingbostel. Um von dort aus über Friedland irgendeinem Bundesland zugeteilt zu werden. Die Frau im Fenster, die Getränke reicht und einen persönlichen Fahrplan, ist die ehrenamtliche Mitarbeiterin Jutta Christian.
„Unser Kontakt hat sich durch Corona stark verändert“, sagt der Leiter der Bahnhofsmission Hamburg, Axel Mangat. „Aus Schutzgründen können wir die Gäste nur noch sehr begrenzt in den Räumen empfangen, stattdessen vor allem bei gutem Wetter draußen vor der Tür. Wir leisten dann Hilfestellung durchs Fenster. Die große Herausforderung ist jetzt, über die Distanz Nähe zu schaffen.“

Umsteige- und Begleithilfe

Neben Informationen und Weiterleitung zu Facheinrichtungen versorgt die Mission weiterhin in Notfällen: „Doch die Sorge, sich anzustecken, ist auch bei Obdachlosen zu spüren. Bei direktem Kontakt stellen wir Masken zur Verfügung.“ Seit November entlastet die Tagesaufenthaltsstätte Markthalle. „Solange sie geöffnet ist, haben wir die Angebote reduziert“, sagt der Sozialpädagoge und Diakon. „In unserer eigenen Einrichtung „Herz As“ sind wir gerade mit einem kleinen Containerdorf gestartet, das bis zu 30 Personen Tagesaufenthalt bietet.“
Obwohl die Anzahl der 90 Mitarbeiter um über 20 Prozent reduziert wurde, bietet das Team nach wie vor Umsteige- und Begleithilfe: „Da der Bahnhof jetzt verwaister ist, rückt das Thema Sicherheit stärker in den Vordergrund.“
Rundgang mit dem ehrenamtlichen Mitarbeiter und ehemaligen Lehrer Wolfgang Heitmann (71): „Einmal pro Woche arbeite ich in der Schicht von 7:00 bis 12:30 Uhr. Auf dem Bahnhof halten wir Ausschau nach Personen, die Hilfe benötigen.“ Doch diesmal gibt es keine Notlagen, weder in der Wandelhalle noch auf dem Süd- und dem Nordsteg.
Drei Helfer begleiten nun die Familie aus Nigeria zum Bahnsteig, drücken ihr Proviant in die Hände, erklären, dass sie in Buchholz umsteigen muss. Pünktlich fährt der RE3 auf Gleis 13 ein, Heitmann schiebt den Kinderwagen ins Abteil. Abfahrt 11:57, ein letztes Winken auf beiden Seiten, der Zug rollt an in eine ungewisse Zukunft für die Flüchtlinge. Ob sich die Kinder sich später an die Zwischenstation Bahnhofsmission Hamburg erinnern, wo sie sich ausruhen und durchatmen konnten – wer weiß?

Spendenkonto: Verein zur Förderung der Bahnhofsmissionen in Deutschland e.V., IBAN: DE58 5206 0410 0005 0159 95, BIC:  GENODEF1EK1

 

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