29. Januar 2022
Horn

Kulturelle Herkunft spielt eine große Rolle

Gesundheitskiosk berichtet von Missverständnissen im Ablauf einer Behandlung

Wichtig ist das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt/Ärztin und Patient Foto: GettyImages

BILLSTEDT/HORN Die ältere Dame spricht nahezu kein Wort Deutsch, obwohl sie seit 1968 in Billstedt in der türkischen Community lebt. Ohne hausärztliche Anbindung, aber mit gesundheitlichen Problemen. Wenn es besonders schlimm wird, sucht sie eine Notaufnahme auf. Sie trinkt kaum, ernährt sich mit ballaststoffarmen Nahrungsmitteln.

Bis sie vor zwei Jahren den Gesundheitskiosk kennen lernt. „Die Dame ist Mitglied eines türkischen Frauentreffs im Gesundheitskiosk“, erzählt Döne Duman, türkischstämmige Gesundheitsberaterin: „Wir messen immer den Blutdruck bei den Teilnehmerinnen, bei dieser Dame war er extrem hoch. Darum habe ich sie zu einem Beratungsgespräch eingeladen.“

Das Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung (RISP) an der Universität Duisburg-Essen definiert schon 2012 unter dem Begriff „Kulturkompetente Pflege“ Standards für die heute so genannte Kultursensibilität. Betrachte man die Behandlung von Menschen mit Migrationsgeschichte ausschließlich aus dem Deutschkulturellen Zusammenhang, könne es passieren, „dass etwa der zu pflegende Patient als ‚kulturell geprägtes‘ Wesen erscheint, der einer besonderen Behandlung bedarf, während der Umgang mit Deutschen als die eigentliche, natürliche Pflegepraxis erscheinen kann.“

Vor dem Hintergrund, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, sollte der kultursensible Blick auf die Bevölkerung eigentlich selbstverständlich sein. „Ist es aber noch nicht“, sagt Dr. Ayse Kobbe, kurdischstämmige Fachärztin für Onkologie in Billstedt: „Noch heute sprechen Ärztinnen und Ärzte von dem ‚mediterranen Syndrom‘, wenn es um kulturspezifische Verhaltensweisen türkischer, arabischer oder anderer Kulturen im Umgang mit Krankheit geht.“

Andere Ernährungsgewohnheiten, andere Rollenverständnisse von Frau und Mann, andere Bräuche und Religionen bewirken auch einen anderen Umgang mit Krankheit. „Die orientalischen Patienten sind in ihrer Sprache viel blumiger und theatralischer in der Beschreibung ihrer Beschwerden. Das wird schnell mal als übertrieben gewertet. Wenn dann noch Sprachschwierigkeiten hinzukommen, werden diese Menschen schnell medizinisch abgewertet und aus Bequemlichkeit beiseite geschoben“, sagt Kobbe.

„Hürden zu überwinden“

Duman erlebt täglich, wie wichtig der muttersprachliche Kontakt zu den Versicherten ist: „Kulturell differierende Bedürfnisse wie Hygienevorstellungen, Tabugrenzen, Höflichkeitsregeln können zu Missverständnissen führen und müssen viel stärker beredet werden. Dies geht in der Muttersprache viel selbstverständlicher.“

Wenn etwa Frauen eine Kur verschrieben bekommen, sie diese aber nicht antreten, weil der Mann dies nicht erlaube: „Da sind viele Hürden zu überwinden.“ Oder wenn multimorbide Patienten mit einer umfangreichen Medikation ohne Rücksprache Medikamente nicht regelmäßig einnehmen. Auch andere Ess- und Trinkgewohnheiten würden insbesondere bei Diabetes-Patienten ein großes Problem sein.

Die ältere Dame kommt auch heute noch regelmäßig in den Gesundheitskiosk. Döne Duman hat sie ein an eine Hausärztin vermittelt. Nach jeder Sitzung geht sie mit ihr in den türkischen Supermarkt und zeigt ihr, welche Lebensmittel für sie gut sind.

Döne Duman ist türkischstämmige Gesundheitsberaterin im Gesund-heitskiosk Foto: GfBH

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