18. September 2021
Hamm

Vom Zufluchtsort zum Paradies

Billerhuder Insel Gartenkolonie wird 100 Jahre alt

Am Bullenhuser Kanal liegt die Billerhuder Insel – rund 1000 Meter lang und 520 Meter breit Foto: Grell

HAMM/ROTHENBURGSORT Die „Gartenkolonie Billerhude“ feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen und befindet sich gleichzeitig mitten in einem extremen Wandel. Viele junge Familien ziehen heute in die idyllische Siedlung an der Bille, die ihren bisherigen Charakter in den 1950er-Jahren entwickelte.

Weil Wohnraum nach dem Zweiten Weltkrieg extrem knapp in Hamburg war und vor allem in den Arbeitervierteln Hamm und Rothenburgsort viele Häuser durch Bombenangriffe zerstört worden waren, mussten überall in den Quartieren Behelfsheime geschaffen werden, um den Menschen wenigstens ein Dach über dem Kopf zu sichern.

Auch auf der 38 Hektar großen Billerhuder Insel, die schon 1907 beim Bau des Bullenhuser Kanals entstanden war, fanden erste Notunterkünfte ihr Quartier. Die „Gartenkolonie Billerhude“ war bereits 1921 gegründet worden, die nach dem Krieg auch als kleine Landwirtschaft gegen das Hungern eine wichtige Rolle spielte. Aus den winzigen und engen Behelfsheimen wurden durch Anbauten im Laufe der Jahre schmucke Einfamilienhäuser, wo knapp zehn Prozent der Anwohner auch heute noch mit festem ersten Wohnsitz leben.

Wenn Familie Weller aus St. Georg an einem Sonntag im September von ihren Himbeeren in der Parzelle 139 nascht, dann sind diese alten Zeiten fast vergessen. Und doch erinnert das renovierte Haus ein wenig an damals: „Wir haben eines der letzten Häuser übernommen, die vor fünf Jahren noch an neue Mieter vergeben wurden“, freut sich die Familie und ist stolz auf ihr kleines Reich im Grünen. Der Trend heute stehe allerdings ganz im Zeichen der Erneuerung. Wenn sich kein Familienmitglied mehr für eines der Leihhäuser, die im Besitz der Stadt sind, eingetragen hat, dann werden die alten, oft baufälligen Hütten abgerissen und durch moderne Gartenlauben von 24 Quadratmeter Grundfläche ersetzt.

„Ein bisschen Wehmut spielt dabei natürlich auch eine Rolle, denn mit jedem Abriss geht auch ein Stück Geschichte verloren“, betont Beate Klein vom Vorstand. „Wir freuen uns aber über unseren kleinen Neubau“, verrät Mary Ullrich, die hier mit ihrem Mann Martin und Tochter Malia (3) eigene Kartoffeln anbaut und sich im Gärtnern ausprobiert. In eines der alten Häuser, in denen es oft auch ein wenig muffig rieche, „wären wir nicht so gern eingezogen“.

Mit fast 600 Parzellen und den märchenhaften alten Gärten direkt am Kanal, sei man glücklich über die vielen jungen Familien aus der Stadt, die hier mit ihren Kindern ein Stück Landleben genießen wollen. Jeder Besucher, der hier durch die verwunschenen Wege läuft, wird aber auch die Nostalgie spüren, die in jedem kleinen Detail steckt und es unendlich schwer macht loszulassen und in eine neue Zeit zu starten.

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