4. November 2020
Ausgabe Horn

Endstation – bitte alles aussteigen

Geschichtswerkstatt erinnert an die Zeit, als hier das Leben pulsierte

Links das Vergnügungs-Etablissement „Horner Park“; rechts das Lokal „Letzter Heller“ Foto: unbekannt

HORN In der Geschichtswerkstatt-Serie stehen wir an der Kreuzung Horner Landstraße/Horner Brückenweg und blicken stadteinwärts. An dieser – heute unscheinbaren – Ecke pulsierte fast 300 Jahre lang das Leben.

Hierher kamen die Hamburger und auch die Bewohner der Umgegend, um sich zu vergnügen und in der frischen Dorfluft ihr Bier und die Brotzeit zu genießen. Seit 1460, als Holstein dänisches Herzogtum wurde, verlief hier die Hamburger Grenze. Man darf vermuten, dass es auch schon bald ein Lokal an dieser Ecke gab.

Ende des 17. Jahrhunderts mietete ein Gastwirt das Grundstück auf der linken Straßenseite und nannte sein Lokal „Letzter Heller“, weil seit 1687 gegenüber das Wachthäuschen mit dem Schlagbaum stand, wo alle Fuhrleute Wegegeld zahlen mussten.

Als 1835 in Hamburg die ersten regelmäßig verkehrenden Pferdeomnibuslinien eröffnet wurden, bekam auch Horn am 27. Juli 1835 mit der „Journalière von Ham und Horn“ eine Anbindung an die Innenstadt. Die Endstation lag genau hier vor der Gaststätte.
Nun war es auch für Hamburger ohne eigene Kutsche möglich, „aufs Land“ zu fahren und der stinkenden Stadt für ein paar Stunden zu entfliehen.

Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb 1841 der Menagerist Schardel Heinrich Berg das Lokal und gestaltete den angrenzenden zwei Hektar großen Park zu einem Zoo um. Am Pfingstsonntag, 30. Mai 1841, eröffnete er seinen „Thiergarten“ – der erste in Deutschland. Kurze Zeit nachdem er das Lokal 1847 aufgab, ist es vermutlich abgebrannt, denn Flurkarten aus dieser Zeit zeigen hier kein Gebäude mehr. Erst die Gebrüder Stockmeyer errichteten das auf der historischen Postkarte abgebildete zweistöckige Hotel mit der davor liegenden Festhalle und nannten das Gesamtobjekt mit dem großen Außenbereich „Horner Park“. Das Vergnügungs-Etablissement öffnete zur Sommersaison 1881 und galt damals als das größte Hamburgs. Eine Postkarte aus der Zeit um 1900 spricht von 1800 Sitzplätzen allein im Biergarten. Bis zur Ausbombung im Juli 1943 wechselten mit den Besitzern auch die Namen des Lokals: Vom „Horner Park“ wurde es zum „Horner Volkspark“ und letztlich zum „Hamm-Horner-Gesellschaftshaus“.
Auf der rechten Straßenseite, direkt vor der Endhaltestelle der Straßenbahn, entstand bereits ein Jahr zuvor eine weitere Gaststätte, welche den Namen „Letzter Heller“ vom ausgebrannten gegenüberliegenden Lokal übernahm. Für die Verbreiterung der Horner Landstraße wurde das Gebäude 1935 allerdings abgerissen. Die Mauerreste der Hinterhofbebauung nutzte man für die heutige Häuserzeile. Hier gab es mehrere kleine Läden, unter anderem das Fischgeschäft Purwin (ab 8. Juni 1951 Schiesewitz), den Friseur Bernhard Fuhlendorf und den Tabakwarenladen Kühl. Aus dem Fischgeschäft wurde später der noch heute existierende Imbiss.

1880 wurden Schienen in die Straße verlegt und die Pferdeomnibusse am 2. November von der Pferdestraßenbahn abgelöst. Am 13. April 1896 fuhr auf der Strecke dann erstmals die „Elektrische“. Mit Zunahme der Bevölkerung im preußischen Schiffbek verlegte man die Endhaltestelle am 29. Mai 1914 zum Chausseehaus ins heutige Billstedt. Nun hieß es hier vor den Lokalitäten nicht mehr: „Endstation! Bitte alle aussteigen!“

Gerd von Borstel und Gerd Rasquin

Alle Folgen der Serie mit interaktiver Bildüberblendung finden Sie auf: www.horn-damals-heute.de

 

Nichts erinnert heute mehr an die große Zeit der Vergnügungs-Etablissements Foto: Gerd von Borstel

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