30. September 2020
Bramfeld

Auch das ist Hamburger Geschichte

Ausstellung „Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand“ im Museum der Arbeit

Collage zur Ausstellung „Grenzenlos“ mit May Ayim, einer deutschen Dichterin und Aktivistin der afrodeutschen Bewegung Gestaltung: gewerkdesign/ Illustration: Diana Ejaita

BARMBEK Die industrielle Entwicklung zahlreicher europäischer und deutscher Regionen war seit dem 17. und insbesondere im 19. Jahrhundert von der Verarbeitung von Rohstoffen aus kolonisierten Gebieten geprägt.
Auch für Hamburg war diese koloniale Industrie von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Mit seiner Sonderausstellung „Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand“ möchte das Museum der Arbeit einen Beitrag zur aktuellen Debatte über den Umgang der Hansestadt Hamburg mit ihrer kolonialen Geschichte und zur Diskussion über die Folgen kolonialer Herrschaftsstrukturen für unsere globalisierte Ökonomie leisten.

Spuren in Barmbek

Den historischen Ausgangspunkt der Ausstellung bildet die Verarbeitung von Kautschuk, Palmöl und Kokosöl durch hamburgische Unternehmen, die unter anderem auf dem heutigen Gelände des Museums der Arbeit, der ehemaligen New-York Hamburger Gummiwaaren-Fabrik, aber auch in Harburg und Wandsbek ansässig waren. Sie stellten seit dem späten 19. Jahrhundert außer Hartgummikämmen, Badehauben, Regenschirmen und Margarine Fertiglebensmittel, Kerzen und Seife her – industriell gefertigte Alltagsprodukte, bei denen die kolonialen Bezüge nicht sofort ins Auge fallen, deren Rohstoffe jedoch unmittelbar mit dem deutschen und europäischen Kolonialismus verflochten sind.
Vor diesem Hintergrund stellt die Ausstellung dem gängigen und verharmlosenden Narrativ einer hanseatischen „Kaufmannsindustrie“ die gewaltvollen Realitäten des Kolonialismus, aber auch die Widerständigkeit der betroffenen Menschen gegenüber. Zen-tral ist dabei das Thema der kolonialen Zwangsarbeit: Kolonien waren für die beteiligten Hamburger Unternehmen vor allem dann profitabel, wenn diese einen uneingeschränkten Zugriff auf die Arbeitskraft der dort lebenden Menschen gewannen. Dies führte zu unmenschlichen Arbeitsbedingungen, zur Zerstörung traditioneller Wirtschaftsformen und Gesellschaften, zu Hungersnöten, Flucht und Vertreibungen, aber auch zu Protesten und Aufständen der Kolonisierten. Die Ausstellung gibt insbesondere jenen Akteurinnen und Akteuren Raum, die in bisherigen Darstellungen nicht angemessen repräsentiert sind: Arbeiterinnen und Arbeitern, die gegen ihre Arbeits- und Lebensbedingungen protestierten oder vor Zwangsarbeit flohen ebenso wie lokalen Eliten, die sich gegen die Übergriffe der Kolonisierenden wehrten.

Verflechtungen zeigen

Das Ziel der Ausstellung ist es, einer breiten Öffentlichkeit die Verflechtung der Hamburger Wirtschaftsgeschichte mit dem europäischen Kolonialismus nahe zu bringen und so einen verantwortungsvollen und zeitgemäßen Blick auf die Hamburger Stadt- und Industriegeschichte zu ermöglichen. Damit verbunden ist der Anspruch, einen eurozentristischen Blickwinkel auf das Thema konsequent herauszufordern und die Perspektiven der Menschen in kolonisierten Ländern sowie ihrer Nachfahren in die Ausstellung mit einzubeziehen. Das Konzept und die Inhalte der Ausstellung wurden deshalb gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Expertinnen und Experten erarbeitet. Ihre Partizipation ergänzt die Arbeit des Museumsteams um Wissensbestände und Erfahrungen, die dort bisher noch unterrepräsentiert sind: eine intensive Beschäftigung mit der Hamburger Kolonialgeschichte und deren Spuren in der Stadt, biographische Bezüge in die ehemalige Kolonialgebiete sowie sowie Rassismus-Erfahrungen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft.

bis 11. April 2021, Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, T 428 13 30, geöffnet mo 10-21 Uhr, mi-fr bis 17 Uhr, sa/so bis 18 Uhr, Eintritt 8,50/5 Euro, freier Eintritt bis 18 Jahre, weitere Infos über das Rahmenprogramm mit digitalen Workshops, einer Film- und Vortragsreihe sowie Führungen, Gespräche und Angebote für Schulklassen unter www.shmh.de und www.museumsdienst-hamburg.de

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