6. November 2021
Ausgabe Billstedt

Geschichtsunterricht der besonderen Art

WOLF BIERMANN an der St. Paulus Schule

Wolf Biermann beim Besuch der St. Paulus Schule Foto: Timm

BILLSTEDT Der kleine Mann mit dem großen Gitarrenkoffer: Wolf Biermann, Liedermacher und Dichter, besuchte die katholische Schule St. Paulus. An die zwei Stunden gab er rund 200 Jungendlichen Geschichtsunterricht der besonderen Art.

Wolf Biermann packt seine Gitarre aus, spielt und schaut dabei in die Runde. Was er dem Publikum berichtet, ist vielleicht etwas langatmiger als früher, steckt aber voll von Anspielungen, Ironie und Wissen. Der Liedermacher sucht den Kontakt zum sehr viel jüngeren Publikum und liebt die ganz direkte Ansprache: „Verstehst du das?“, fragt er immer wieder. Biermann singt nur wenig, dafür nimmt er sein Publikum auf eine lange Reise durch sein Leben.

Die Autofahrt mit dem abholenden Lehrer wird zum Gerüst des Anfangs: Als Sechsjähriger ist er am Klosterwall entlanggelaufen, an der Hammerbrookstraße hat Biermann gewohnt, auf dem Rücken der Mutter ist er dem Gomorrha-Feuersturm von 1943 entkommen. Neulich hat er seiner Tochter Molly den Baum auf der Moorweide gezeigt, an dem er mit seiner Mutter saß: Dort hatten sich die Ausgebombten nach dem Inferno versammelt, erzählt er.

Biermann stammt aus einer kommunistischen, jüdischen Familie, sein Vater stirbt im KZ Auschwitz. Nach dem Krieg geht er zur Schule und kommt mit einer 5 in Mathe nach Hause. Reaktion seiner Mutter: „Dafür musste dein Vater in Auschwitz sterben.“

Der 16-Jährige wechselt auf das Internat in Gadebusch und damit in die DDR, studiert in Berlin Mathematik und macht Examen mit einer 1. Die nächste Station, von der er berichtet, ist das Brecht-Theater Berliner Ensemble. Biermann fängt an zu schreiben, seine Lieder, erinnert er sich, seien mit der Zeit besser geworden, „schmerzlicher“. Das habe den Parteibonzen nicht gefallen: Zwölf Jahre lang darf er kein einziges Konzert geben.

Dann, erinnert er sich, sei er nicht ein- sondern ausgesperrt worden. 1976 nach einem Konzert in Köln vor rund 8000 Menschen wird der Liedermacher ausgebürgert; danach: „Zum ersten Mal in meinem Leben leckte ich an der Menschheit.“

Wolf Biermann singt, unter anderen, eines seiner bekanntesten Lieder: „Ermutigung“. Das sei kursiert in der DDR, wurde selbst im Knast gesungen und viele wussten nicht, von wem es war. Und dann: „Und als wir ans Ufer kamen…“, das sehr poetisch die Frage beschreibt, ob es aus der DDR nach Westen gehen soll.

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