29. Juli 2020
Billstedt

Schwere Zeiten werden weggelächelt

Café Winter: Seit 70 Jahren werden die Gäste verwöhnt. Konzert-Reihe wird 2021 fortgeführt

Juniorchefin Birte Winter mit einer Torte Foto: Frank Berno Timm

BILLSTEDT Der 28. Juli 1950 war der erste Öffnungstag, damals noch an der Bill-stedter Hauptstraße. Die große Geburtstagsfeier kommt erst im nächsten Jahr – auch sonst hat Corona vielfältige Spuren im Café Winter an der Möllner Landstraße hinterlassen.

In dieser Familie kann man gar nicht anders. Chefin Birte Winter, nebenbei Sängerin der Rockband „Innocence Lost“ (Verlorene Unschuld), winkt Kunden, die auf dem Fahrrad an der Terrasse vorbeifahren. Genauso ihre Mutter Brigitta: Die hat seit ihrem fünften Lebensjahr mit dem Café zu tun – heute ist sie über 70. Und ihr Mann Heino durfte sie erst heiraten, nachdem er noch eine Konditorlehre gemacht hatte. Birte Winters Großmutter, erzählt die Konditorin, saß bis vor einem halben Jahr vor ihrem Tod noch auf ihrem Sessel in der Küche „und hat Erdbeeren geschnippelt“.
Es gibt noch viel mehr solche Geschichten. Von einem Kunden, der einmal die Woche kommt und sich eine Torte holt oder die von der Kundin, die mit 94 Jahren immer noch im Café einkehrt. Das Café Winter liegt wenige Schritte von der U-Bahn-Station Steinfurther Allee an der Möllner Landstraße.

Drinnen finden sich, neben dem Laden mit lecker aussehenden Torten und vielen anderen Köstlichkeiten, klassische Caféräume, die so ganz anders aussehen als die Sitzplätze beim Bäcker oder in der Coffeshop-Kette: ein Café der alten Schule. Ähnliche Läden sind sehr selten geworden. „Wir sind das letzte Café mit Konditorei vor der Autobahn“, scherzt Birte Winter. Nach vorne liegt die Terrasse, die demnächst noch ein Überdach bekommen soll und um ein paar Stühle und Tische auf den Parkplätzen erweitert wurde – wegen Corona.

Das Café selbst nahm am 28. Juli 1950 an der Billstedter Hauptstraße 64 seinen Betrieb auf. Ungefähr acht Jahre später kam der Laden an der Möllner Landstraße dazu, im Jahr 1976 wurde das Stammgeschäft aufgegeben. Schwierig war es, erinnern sich die beiden Winter-Frauen, als die U-Bahn gebaut wurde, „da war hier Einbahnstraße“. Wirtschaftskrisen bekommen sie ebenso zu spüren.

Ein Danke an die Kunden

Das Gespräch über Corona wird länger: Birte Winter lobt ihre Kunden, die sie unterstützt haben, und weiter kamen. Notwendige Investitionen – Trennscheiben im Laden, eine neue Kasse, um bargeldlos bezahlen zu können – beziffert sie mit 3.000 Euro. „Alles dauert länger“, sagt sie, immer wieder müssen manche Kunden an die Maskenpflicht erinnert werden, aber insgesamt seien sie geduldiger – und gaben mehr Trinkgeld. Drei der Aushilfen mussten dennoch gehen, jetzt arbeiten vier Familienmitglieder, eine Festangestellte und eine Aushilfe hier. Der Café-Umsatz sank während der Schließzeit auf null, jetzt „ist es gut“, aber in drei Monaten ging der Umsatz um 40 bis 60 Prozent zurück. Das klassische Sortiment ist leicht erweitert worden. Birte Winter hat ihren Leuten einen Schlüsselsatz gesagt: „Wichtig ist – immer lächeln!“ Die beiden Frauen erinnern daran, dass das Café drastische Strafen bezahlen muss, wenn Gäste die Regeln nicht einhalten. Das große Open-Air zugunsten der Kinderkrebshilfe, normalerweise Ende August, wird um ein Jahr verschoben, „die Auflagen sind einfach zu hoch“. Dabei sind den Winters solche eintrittsfreien Veranstaltungen wichtig. Überhaupt: Wann Geburtstag gefeiert wird, ist zweitrangig: Die Torte schmeckt, als wäre es schon jetzt so weit.

 

Mit über 70 kommt Brigitta Winter immer noch – offensichtlich gern Foto: Timm

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