10. September 2022
Billstedt

Ritterschlag für den Gesundheitskiosk

Lauterbach lobt „Billstedt ist der Prototyp“

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach mit dem Team des Gesundheitskiosk in Billstedt Foto: Gesundheit für Billstedt/Horn

BILLSTEDT/HORN Ob Hilfe bei der Suche von Fachärzt/-innen, eine umfangreiche gesundheitliche Beratung oder Unterstützung für eine bessere Verständlichkeit der Arztdiagnose: All das können Menschen im Hamburger Osten bereits seit gut fünf Jahren ohne Termin und auch bei fehlenden Deutschkenntnissen in einer von bis zu acht Sprachen im Gesundheitskiosk in Billstedt/Horn erhalten.

Was als Modellprojekt 2017 startete, funktioniert laut einer wissenschaftlichen Untersuchung der Uni Hamburg mittlerweile so gut, dass es nun bundesweit Schule machen soll. Nachdem die Bundesregierung dies – wie berichtet – bereits in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten hatte, präsentierte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nun bei seinem Besuch des Gesundheitskiosks in Billstedt die Eckpunkte einer Gesetzesinitiative, auf die zeitnah gesetzliche Regelungen folgen sollen.

1000 Gesundheitskioske sollen folgen

Lauterbach lobte den Gesundheitskiosk als „bildgebend“ für das gesamte Bundesgebiet. Besonders in medizinisch unterversorgten und einkommensschwachen Stadtteilen stellten Gesundheitskioske eine wichtige Anlaufstelle für Patienten dar und machten einen „entscheidenden Unterschied“. Weder Geldbeutel noch Wohnort dürfe über die Behandlung von Patient/-innen und Patienten entscheiden.

Aus diesem Grund will der Gesundheitsminister nun langfristig dafür sorgen, dass bundesweit rund 1000 Gesundheitskioske aufgebaut werden, die den Zugang zu gesundheitlicher Versorgung von Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf verbessern, insbesondere denjenigen, die nicht krankenversichert seien, obdachlos oder unter Sprachbarrieren litten. „Das hier in Billstedt ist der Prototyp“, sagte der Minister.

In den Kiosken sollen zudem Pflegefachkräfte einfache medizinische Routineaufgaben erledigen, etwa Blutdruck und Blutzucker messen, Verbände wechseln und Spritzen verabreichen – jeweils von Ärzten veranlasst. „Personell sind wir dafür bereits bestens ausgestattet, ab Januar dann auch räumlich“, sagt Kiosk-Leiterin Cagla Kurtcu. Dann legt das Team aus fünf Fachkräften und ab Oktober mit fünf Studierenden auch Hand an. „Der Besuch des Ministers hat uns enorm motiviert. Er hat uns Wertschätzung gezeigt und verdeutlicht, dass wir auf dem richtigen Weg sind und es voran geht“, sagt die 32-Jährige, die in Wandsbek lebt.

Kostenplan stößt auf Kritik

Initiiert werden sollen die Anlaufstellen von den Kommunen, die Kosten sollen zu 74,5 Prozent die gesetzliche Krankenversicherung, zu 5,5 Prozent die privaten Krankenkassen und zu 20 Prozent die Kommunen übernehmen. Ein Plan, der vor allem der privaten Krankenversicherung übel aufstößt. Die vorgeschlagenen Gesundheitskioske seien eine Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes „und sollten vollständig von Ländern und Kommunen finanziert werden“, sagte der Direktor des Verbands der Privaten Krankenversicherung, Florian Reuther. Die Vorstandsvorsitzende des AOK Bundesverbandes, Carola Reimann, forderte eine Kostenübernahme von 50 Prozent durch die Kommunen.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach geht davon aus, dass sich die Kioske nicht nur selbst tragen, sondern das Gesamtsystem sogar entlasten werden. Denn durch sie würden jene Menschen erreicht, auf die man sonst erst in der Notaufnahme stoße und die dann für
sehr viel Geld im Krankenhaus versorgt werden müssten. So habe sich im Umkreis des Kiosks bereits eine deutliche Abnahme an Krankenhauseinweisungen gezeigt.

Gerade in ärmeren Gebieten seien die Menschen häufiger chronisch krank, gleichzeitig fehle es an Ärzten, sagte Lauterbach. In den Stadtteilen Billstedt/Horn versorgen im Schnitt 1,25 Ärzte 1000 Einwohner. Das ist weniger als die Hälfte des Hamburger Durchschnitts mit 2,59 Ärzten. Allein in Billstedt hat mehr als jeder Zweite einen Migrationshintergrund, jeder Fünfte bezieht Hartz IV. Gleichzeitig sind die Menschen hier häufiger krank: Chronische Erkrankungen wie etwa Diabetes treten dort fast zehn Jahre früher auf als im Hamburger Durchschnitt, auch die Lebenserwartung ist elf Jahre geringer als etwa im wohlhabenden Blankenese.

In dem Gesundheitskiosk in der Billstedter Fußgängerzone sind seit seiner Gründung 2017 den Angaben zufolge bereits mehr als 17.000 Beratungsgespräche geführt worden. Der Geschäftsführer der für den Kiosk zuständigen Gesundheit für Billstedt Horn UG, Alexander Fischer, sagte: „Wir haben fünf Jahre dafür gekämpft.“ Entsprechend freue er sich sehr, dass die Idee nun bundesweit verstetigt werde, sagte Fischer, der bei Lauterbach in Köln den Studiengang für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie absolviert hat.
Sollten Bundestag und -rat dem Gesetzesentwurf noch in diesem Jahr zustimmen, hält der Minister einen Beginn des Projekts ab dem nächsten Jahr für realistisch.

Standorte Horn: Am Gojenboom 46, Horner Freiheit, Mümmelmannsberg, Oskar-Schlemmer-Straße 9-15; Billstedt: Möllner Landstraße 18, Partnerkrankenkassen: AOK, Barmer, DAK, Mobil, TK
Kontakt: T 414 931 10, https://gesundheit-bh.de

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