22. Januar 2022
Billstedt

Eine kultursensible Beratung anbieten

Besonders gewachsene Bedürfnisse erkennen

Döne Duman ist türkischstämmige Gesundheitsberaterin im Gesundheitskiosk Foto: GfBH

BILLSTEDT/HORN Die ältere Dame spricht nahezu kein Wort Deutsch, obwohl sie seit 1968 in Billstedt in der türkischen Community lebt. Ohne hausärztliche Anbindung, aber mit gesundheitlichen Problemen. Wenn es besonders schlimm wird, sucht sie eine Notaufnahme auf. Sie trinkt kaum, ernährt sich mit ballaststoffarmen Nahrungsmitteln.

Bis sie vor zwei Jahren den Gesundheitskiosk kennenlernt. „Die Dame ist Mitglied eines türkischen Frauentreffs im Gesundheitskiosk“, erzählt Döne Duman, türkischstämmige Gesundheitsberaterin. „Wir messen immer den Blutdruck bei den Teilnehmerinnen, bei dieser Dame war er extrem hoch. Darum habe ich sie zu einem Beratungsgespräch eingeladen.“

Vor dem Hintergrund, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, sollte der kultursensible Blick auf die Bevölkerung eigentlich selbstverständlich sein. „Ist es aber noch nicht“, sagt Dr. Ayse Kobbe, kurdischstämmige Fachärztin für Onkologie in Billstedt: „Noch heute sprechen Ärztinnen und Ärzte von dem ‚mediterranen Syndrom‘, wenn es um kulturspezifische Verhaltensweisen türkischer, arabischer oder anderer Kulturen im Umgang mit Krankheit geht.“ Andere Ernährungsgewohnheiten, andere Rollenverständnisse von Frau und Mann, andere Bräuche und Religionen bewirken auch einen anderen Umgang mit Krankheit.

Große Herausforderungen

„Die orientalischen Patienten sind in ihrer Sprache viel blumiger und theatralischer in der Beschreibung ihrer Beschwerden. Das wird schnell mal als übertrieben gewertet. Wenn dann noch Sprachschwierigkeiten hinzukommen, werden diese Menschen schnell medizinisch abgewertet und aus Bequemlichkeit beiseite geschoben“, sagt Kobbe.

Döne Duman erlebt täglich, wie wichtig der muttersprachliche Kontakt zu den Versicherten ist: „Kulturell differierende Bedürfnisse wie Hygienevorstellungen, Tabugrenzen, Höflichkeitsregeln können zu Missverständnissen führen und müssen viel stärker beredet werden. Dies geht in der Muttersprache viel selbstverständlicher.“

Wenn etwa Frauen eine Kur verschrieben bekommen, sie diese aber nicht antreten, weil der Mann dies nicht erlaube. Auch andere Ess- und Trinkgewohnheiten würden insbesondere bei Diabetes-Patienten ein großes Problem sein. „Es ist oft schwierig, eine gewisse Disziplin zu erreichen, weil eigentlich die ganze Familie da mitziehen muss“, sagt Duman.

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