14. Oktober 2020
Barmbek

„Es nehmen, wie es kommt“

Das Lebensmotto des 100-jährigen Fritz Belke

Fritz Belke, hier mit seiner Tochter Gisela, hat am Wochenende mit der Familie seinen 100. Geburtstag gefeiert Foto: Busse

BARMBEK Ein ganzes Jahrhundert Leben kann Fritz Belke schon überblicken. Geboren wurde er im Jahr 1920, am vergangenen Sonnabend hat er seinen 100. Geburtstag gefeiert. Den Tag hat er begonnen wie üblich, mit einer moderaten Morgengymnastik, mit Recken und Strecken.

„Alt zu werden ist schon ein Ziel. Aber 100 Jahre? Das ist ein Rekord, das kann ich selbst gar nicht glauben – aber es fühlt sich gut an“, äußert er sich bedächtig. Bis zu seinem 90. Lebensjahr hat er aktiv Prellball gespielt, ist regelmäßig zum Schwimmen und in die Sauna gegangen und hat lange Wanderungen durch die Natur unternommen. Erst mit 60 Jahren hat er angefangen, jährlich das Deutsche Sportabzeichen zu erwerben. „Es ist gut, sich zu bewegen, aber man sollte nicht übertreiben, weder beim Sport noch beim Essen“, meint er.

Dabei hat er selbst früher als „Eisschwimmer“ von sich reden gemacht: In seinem Heimatort hat er an frostigen Wintertagen im Freibad die Eisschicht im Becken aufgeschlagen und das eiskalte Nass genossen. Tochter Gisela, die als Kind dabei war, schüttelt es bei der Erinnerung noch heute. Vor drei Jahren ist Fritz Belke nach Hamburg umgezogen, in die Nähe seiner beiden Kinder. Im Alten- und Pflegeheim St. Gertrud an der Schubertstraße bewohnt er ein Zimmer mit Blick auf den grünen Innenhof. Sobald das Wetter es zulässt, dreht er dort ein paar Runden und macht es sich mit einem Buch unter der imposanten Blutbuche bequem. Am liebsten sind ihm die Klassiker, gerade ist einmal wieder Goethes „Faust“ dran. „Die größte Erkenntnis hat mir das Lesen von Tolstois ,Krieg und Frieden‘ gebracht: Wenn die Zeit reif ist, macht jeder mit“, erzählt Belke.

Mit 19 in den Krieg

Aufgewachsen als ältestes von sieben Kindern im niedersächsischen Dorf Riemsloh bei Melle, zog er selbst als 19-Jähriger nach Abschluss der Handelsschule und einer Banklehre als Soldat in den Zweiten Weltkrieg. Die Erfahrung aus den folgenden acht Jahren, in denen er an der Ost- und Westfront kämpfte, knapp mit dem Leben davonkam und schließlich in Gefangenschaft geriet, prägen ihn bis heute. Doch anders als die meisten anderen, die nie über ihre Erfahrungen sprachen, ist es Belke wichtig, das Erlebte zu thematisieren.

Als Soldat hatte er Stift und Papier für Tagebuchaufzeichnungen dabei. Später, als er bereits im elterlichen Betrieb die Poststelle leitete und dann auch als Familienvater, hat er alles zusammengetragen und immer wieder ergänzt. „Der Krieg ist nach wie vor zu wenig aufgearbeitet worden, in Hinblick auf alle Länder“, meint Belke, der selbst bereits fünfmal mit Kindern und Enkelkindern ins russische Rschew zurückgekehrt ist, wo im Krieg mehr als eine Million Menschen ums Leben kamen. „Diese Treffen waren herzlich und freundschaftlich“, gehört zu den Erfahrungen, die er von diesen Reisen mitgenommen hat. „Wichtig sind Toleranz und Respekt vor der Meinung anderer“, stellt Belke, der nach wie vor politisch interessiert ist, fest.

Seinen Urenkeln, die ein, zwei und vier Jahre alt sind, wünscht er vor allem, „dass keine Turbulenzen kommen“. Mit 100 Jahren Lebensweisheit lautet sein entspanntes Motto: „Es nehmen, wie es kommt.“

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