11. November 2022
Barmbek

Der Stein des Anstoßes

Erinnerung an den ersten Chefarzt der Frauenklinik Finkenau in der Kritik

Parsifal von Pallandt hat sich zehn Jahre lang dafür eingesetzt, dass der Fressel-Gedenkstein um eine kritische Erläuterung ergänzt wird Foto: Busse

BARMBEK Dicke Bretter hat Parsifal von Pallandt gebohrt, bis der Julius Fressel-Gedenkstein an der ehemaligen Klinik Finkenau endlich eine dringend notwendige Erläuterung erhalten hat.

„Zum Gedenken Prof. Dr. Julius Fressel“ ist alles, was in den rund zwei Meter hohen Koloss gehauen steht, der sich an der Ecke Uferstraße, Finkenau befindet. Der Mediziner Fressel (1857-1947) wurde 1914 „der erste Chefarzt der neu erbauten Frauenklinik Finkenau“, soweit reichte die Erklärung, die bislang ein Schildchen an Fuße des Steins gab. Für von Pallandt stellt dies eine unangemessene Würdigung dar: „Fressel hat sich zu Hitler bekannt. Eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Person und der Klinik fehlte völlig.“ Zehn Jahre lang hat er deshalb immer wieder in der Bezirkspolitik nachgehakt und ein Thema auf die Agenda gebracht, das ihm am Herzen liegt: Die kritische Einordnung in den historischen Zusammenhang und eine Erläuterung dazu, welche Rolle der Arzt und das Krankenhaus in der NS-Zeit spielten.

Jetzt wurde dank seines Beharrens endlich eine neue kleine Tafel vor dem Stein platziert. Den Text darauf hat die Sprinkenhof AG als Eigentümerin des benachbarten, denkmalgeschützten Backsteingebäudes, das von Fritz Schumacher entworfen wurde und heute Teil des Kunst- und Mediencampus Hamburg ist, bei der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte in Auftrag gegeben.

Frauen zwangssterilisiert

Man erfährt: In der Klinik Finkenau wurden Hunderte von Frauen auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ gegen ihren Willen sterilisiert. An 545 Frauen, die aus Polen und der Sowjetunion zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren, wurden Zwangsabtreibungen vorgenommen. Neugeborene Kinder von Zwangsarbeiterinnen wurden durch systematische Vernachlässigung getötet. Diese sehr knapp und sachlich gehaltene Information reicht für von Pallandt nicht aus: „Zwar wird endlich an die Situation von Zwangsarbeiterinnen erinnert, aber ein bisschen mehr Kritik, mehr Info wäre schön gewesen.“ Erstaunlich auch: Der Name des berühmten Baudirektors Fritz Schumacher bedarf auf der Tafel einer Korrektur. In diesem Rahmen könnte man sich auch gleich Gedanken um die Verhältnismäßigkeit des Schildchens zum darüber thronenden Zweimeter-Gedenkstein machen.

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