23. September 2021
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„Wählen heißt Verantwortung“

Farbe bekennen: Klaus von Dohnanyi sieht Abstimmung als Vertrauenssache

Wahl

Foto: gettyImages

HAMBURG Zum Abschluss der Serie zur Bundestagswahl im Wochenblatt kommt heute mit Klaus von Dohnanyi ein großer Hamburger zu Wort.

„Alle reden immer von unserem Wahlrecht, und natürlich ist das die Grundlage jeder Demokratie. Wir wollen, dass unsere Meinung über die zukünftige Richtung unseres Landes berücksichtigt wird. Aber oft vergessen wir über dieses Recht, dass Wählen auch eine Verantwortung ist, denn wen und welche Partei wir wählen ist wichtig, kann sogar ausschlaggebend für den zukünftigen politischen Kurs des Landes werden. Manchmal sind es ja nur wenige Stimmen die entscheiden. Was sollte also die Grundlage unserer Wahlentscheidung sein?

„Richtige Leute wichtig“

Ich glaube nicht, dass es sehr sinnvoll ist die Wahlprogramme der Parteien zu studieren, sie zu vergleichen und dann zu überlegen, wer das Richtige will. Die Programme sind lang und versprechen alles Mögliche, was dann so entweder gar nicht geht oder in Koalitionsverhandlungen eingedampft werden muss. Außerdem sind wir ja in dieser Welt auch nicht allein, andere Länder wollen andere Sachen und auch danach muss man sich richten. Und schließlich: Da passieren Dinge, die man entweder nicht vorhersehen konnte oder einfach nicht vorhergesehen hat. So, wie jetzt die große Flutkatastrophe – plötzlich muss das knappe Geld ganz woanders hin, als wir geplant hatten.

Also, worauf kommt es bei einer Wahlentscheidung eigentlich an? Ich glaube, entscheidend ist das Vertrauen in Personen und auch in Parteien: Haben wir mit dieser oder jenem bisher eher gute oder keine so guten Erfahrungen gemacht? Wem trauen wir den kühlen Kopf und die notwendige Entschlossenheit zu, das Notwendige zu tun? Wer hat Mut, wer zeigte Unabhängigkeit der eigenen Überzeugung, oder wer ist der geboren Anpasser, der immer nur ängstlich ausgetretenen Wegen folgt? Welche Partei hat in schwierigen Situationen gezeigt, auch dafür dann die richtigen Frauen und Männer aufzubieten?

Also geht es bei Wahlen eigentlich sehr viel weniger um Programme, die sich in der politischen Wirklichkeit doch auch schnell verflüchtigen können: Es geht um unsere Erfahrungen mit wem wir bisher gut gefahren sind, oder, wem wir die Eigenschaften eines Kapitäns in ungewissen und stürmischen Gewässern am ehesten zutrauen. In Hamburg haben wir über viele Jahrzehnte, trotz aller Neigung zur Parteienstreiterei gezeigt, dass wir immer Leute hatten, die Kurs halten konnten und deswegen auch heute wieder Vertrauen verdienen.

Wir haben gute Politiker von verschiedenen Parteien auch in Hamburg gehabt. Aber am Ende waren es dann aber doch immer wieder Sozialdemokraten, die unsere Stadt nach vorne brachten. Das fing schon mit Max Brauer nach dem Kriege an: Er, wie dann auch Herbert Weichmann und seine Frau Elsbeth, hatten sich den Nazis nicht gebeugt und brachten wertvolle Erfahrung aus anderen Ländern für den Wiederaufbau in unsere Stadt zurück. Ich kann hier nicht alle nennen, die für Hamburg aus der Kraft sozialdemokratischer Tradition und Überzeugung zur richtigen Zeit das richtige taten.

Da ist natürlich Helmut Schmidt, der schon als Senator gegen eine dramatische Flutkata-strophe mutig ankämpfte; da war der von mir unvergessene Henning Voscherau, der die HafenCity möglich machte. Da war Ortwin Runde, der die streitenden Hamburger Sozialdemokraten als Parteivorsitzender immer wieder versöhnte – und da war schließlich Olaf Scholz, der, nach dem er Hamburger Erfahrungen gesammelt hatte, nach Berlin ging, dort Bundeserfahrungen sammelte, dann nach Hamburg als Erster Bürgermeister zurückkehrte und nun mit der reichen europäischen Verantwortung eines Bundesfinanzministers Bundeskanzler werden könnte. Auch er hat unsere Stadt gut regiert.

„Nicht nur ein Recht“

Also, wenn es eben nicht um langatmige Parteiprogramme geht, sondern um Vertrauen, mit dem wir als verantwortliche Bürger unser Wahlrecht gebrauchen sollten: Hier haben wir doch die Chance als Hamburger Wähler das Richtige für Deutschland zu tun. Erneut kann jetzt ein Hamburger Bundeskanzler werden! Wir müssen nur wählen gehen!

Und das ist eben das Wichtigste: Wählen ist nicht nur ein Recht – es ist auch unsere Verantwortung mit Sorgfalt zu wählen. Werden wir also am Sonntag unserer Verantwortung gerecht: Gehen wir wählen, es geht bei jeder Wahl auch um die Zukunft unseres Landes und unserer schönen Stadt!“

Klaus
Klaus von Dohnanyi Foto: Superbass/CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)
Sieben Jahre Bürgermeister der Stadt

Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Deutschland und den USA war Klaus von Dohnanyi, geboren am 23. Juni 1928 in Hamburg, von 1953 bis 1960 Leiter der Planungsabteilung der Ford-Werke in Köln und anschließend bis 1968 geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Marktforschung und Unternehmensberatung Infratest. Dohnanyi, seit 1957 SPD-Mitglied, gehörte 1968/69 der ersten Großen Koalition als Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft an sowie den Kabinetten Brandt und Schmidt als Minister für Bildung und Wissenschaft sowie Staatsminister im Auswärtigen Amt, bevor er von 1981 bis 1988 das Amt des Ersten Bürgermeisters von Hamburg übernahm. Von Dohnanyi ist Vorsitzender des Senats der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, gehörte dem Club of Rome an und ist Träger zahlreicher Auszeichnungen ausWissenschaft und Gesellschaft.

 

Ein letzter Check

HAMBURG Rund 16 Prozent der rund 60,4 Millionen Wahlberechtigten galten am vergangenen Wochenende als unentschlossen. Das heißt: Gut neun Millionen Menschen wussten noch nicht, wo sie ihre Kreuze setzen. Mehr als elf
Millionen (rund 19 Prozent) wollten gar nicht wählen gehen. Denen kann nicht mehr geholfen werden – aber den Wankelmütigen. Und dafür gibt’s den Wahl-O-Mat, der die eigene Meinung zu verschiedenen Themen mit den Positionen der Parteien vergleicht. Dafür führt das Online-Tool durch 38 Thesen, die
jeweils mit „stimme zu“, „stimme nicht zu“, „neutral“ oder „These überspringen“ beantwortet werden können. Am Ende gleicht der Wahl-O-Mat die Antworten mit den Positionen der Parteien ab. Vor der Bundestagswahl 2017 wurde der Wahl-O-Mat fast 16 Millionen Mal aufgerufen. www.bpb.de

Die Stimme des Podcasts

HAMBURG Ergänzend zur Serie „Farbe bekennen“ gibt’s auch den gleichnamigen Podcast des Hamburger Wochenblatts mit Infos und Fakten zur Bundestagswahl. In zwölf Folgen geht’s da von der Bedeutung der Erst- und Zweitstimme über die Geschichte der Wahlen bis hin zur Ära Merkel – zum Immer-wieder-Hören.
Und die Stimme des Podcasts ist die von Thomas Oldach, zuständiger Redakteur für die Ausgaben Billstedt/Horn und Barmbek/Bramfeld. Für den Podcast schlüpfte er in die Rolle eines „Ancorman“. Nachdem die Redaktion die Themen der zwölf Folgen festgelegt hatte, schrieb der 62-Jährige die Texte, setzte sich ans
Mikrofon und sprach sie ein – natürlich nicht ohne „Hänger“ und Versprecher. Aber der Mann in der Regie und am Mischpult im improvisierten „Wochenblatt“-Studio, Projektmanager Frank Denker-Kotowski (60), sorgte dann immer für ein perfektes Ergebnis.  Überzeugen Sie sich selbst unter https://hamburgerwochenblatt.de

Mikro
„Mr. Podcast“ Thomas Oldach Foto: wb

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