26. August 2021
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„Kleine Zinsen bieten auch Chancen“

Farbe bekennen: Katharina Beck (Grüne) zu Fragen der Wirtschaftspolitik

Wahl

Wie Corona-Pleiten für Arbeitnehmer auffangen? Wie niedrigen Zinsen auf Sparbüchern entgegenwirken? Wie bessere Lebensmittel produzieren? Wie ausländische Arbeitskräfte im Dienst deutscher Firmen besser schützen? Fragen, die auch die Grünen beschäftigen Fotos: GettyImages

HAMBURG Im Rahmen der Serie zur Bundestagswahl heißt es für die Hamburger Spitzenkandidaten „Farbe bekennen“. Je fünf Fragen zu unterschiedlichen Schwerpunktthemen hat die Redaktion gestellt. Heute Katharina Beck von den Grünen.

Hamburger Wochenblatt: Corona hat zu Kurzarbeit und Jobverlust geführt. Vielfach haben kleine Läden schon geschlossen. Wie wollen Sie den Pandemie-Verlierern helfen?

Katharina Beck: Wir brauchen ein neues soziales Sicherheitsversprechen und bessere Wirtschaftspolitik. Pandemiebedingt insolvente Unternehmen möchten wir ein Neugründungskapital anbieten. Kleinunternehmen werden wir fairer behandeln und Kreative als Wirtschaftsakteure ernst nehmen. (Solo-)Selbstständige sollen automatisch gegen Risiken wie Arbeitslosigkeit versichert sein. Außerdem wollen wir Hartz IV durch eine Garantiesicherung ersetzen.

WB: Der Staat verzeichnet Steuereinnahmenverluste, gleichzeitig sind die Ausgaben auf Rekordhöhe. Wie können wir die Schulden jemals wieder zurückzahlen?

Beck: Staatsausgaben von heute sind Steuereinnahmen von morgen. Deshalb müssen wir uns keine Sorgen machen, wenn der Staat wichtige Ausgaben, etwa Investitionen in Infrastruktur, mit Krediten finanziert. Deutschland verfügt auch nach der Corona-Krise über tragfähige Staatsfinanzen und wird auch aufgrund seiner vertrauenswürdigen Staatsanleihen nicht in Schwierigkeiten geraten.

WB: Die Zinsen sind auf einem Tiefststand, Sparbücher praktisch nichts mehr wert. Wie kann sich auch „kleines Geld“ vermehren?

Beck: Niedrige Zinsen sind eine gute Gelegenheit für nachhaltige Investitionen, die dann Wohlstand schaffen werden. Die Geldpolitik der EZB ist daher eine Chance für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Fürs individuelle Sparen sind die niedrigen Zinsen ein Problem, hier können Fondssparpläne ein guter Ersatz fürs Sparbuch sein.

WB: Das neue Lieferkettengesetz zum Schutz ausländischer Arbeitskräfte im Dienst deutscher Firmen greift nun ab 2023 und auch zunächst nur für Betriebe mit mehr als 3000 Arbeitnehmern. Kritiker meinen, dem Gesetz seien Krallen und Zähne gezogen worden. Eine zivilrechtliche Haftung für deutsche Unternehmen sieht es nicht vor. Ist das nicht ein Verrat an den Menschenrechten?

Beck: Wir brauchen ein besseres Gesetz, das Unternehmen zur Überwachung ihrer Lieferketten verpflichtet und tatsächlich eine Wirkung auf den Schutz von Menschenrechten sowie von Umwelt und Klima hat. Das aktuelle Gesetz muss nachgeschärft werden, sowohl in Bezug auf die Größe der Unternehmen und die Stufen in der Lieferkette, für die es greift, als auch bezüglich der Haftung.

WB: Nirgendwo in Europa sind Lebensmittel so billig wie in Deutschland. Eine Mehrheit der Verbraucher/-innen möchte, dass Schweine, Rinder und Geflügel in der Landwirtschaft artgerecht gehalten werden. Das Tierwohl-Label ist gescheitert. Wie ernähren wir uns in Zukunft vernünftiger?

Beck: Erstens müssen wir die Rahmenbedingungen für Landwirtschaft ändern: Ökologie und Tierfreundlichkeit muss sich lohnen. So wird gutes Essen zum Standard für alle. Auf dem Weg dahin muss es leichter werden, sich für gesunde, regionale und ökologische Lebensmittel entscheiden zu können. Das Label gehört überarbeitet sowie Tierquälerei, Naturzerstörung und Schadstoffe im Essen beendet.

Beck
Katharina Beck ist Spitzenkandidatin der Grünen in Hamburg Foto: Grüne
Sie will nach Berlin

Katharina Beck (39) ist Spitzenkandidatin der Grünen in Hamburg für die Bundestagswahl und Direktkandidatin für Hamburg-Nord. Die Diplom-Regionalwissen-schaftlerin und Finanzbetriebswirtin (IWW) arbeitet als Unterneh-mensberaterin für Nachhaltigkeit und als Aufsichtsrätin. Sie leitet ehrenamtlich die Bundesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft & Finanzen der Grünen und ist Mitglied des Wirtschaftsbeirats der Grünen-Bundestagsfraktion. Beck stammt aus einer Bäcker-Handwerks-Großfamilie, geboren in Düsseldorf, aufgewach-sen in Duisburg, hat in Köln studiert und in Panama, Argentinien und der Schweiz gelebt. Ihre Mentorin beim Traineeprogramm der Grünen im Jahr 2012 war Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank.

Höchste Beteiligung im Wahlkreis 20

♦ Wenn am 26. September die 20. Bundestagswahl steigt, sind in Hamburg rund 1,3 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Die Hansestadt ist dabei unterteilt in sechs Wahlkreise mit insgesamt 1268 Wahl-lokalen.
♦ Die eifrigsten Wähler/-innen gab es 2017 im Wahlkreis 20 mit meiner Beteiligung von 81,1 Prozent. Zum Wahlkreis gehört der Bezirk Eimsbüttel mit den Stadtteilen Rotherbaum, Harves­tehude, Hoheluft-West, Lokstedt, Niendorf, Schnelsen, Eidelstedt, Stellingen und Eimsbüttel. An die Urnen gerufen wurden 2017 insgesamt 192.399 Bürger/-innen. Die Wahlbeteiligung lag bei 81,1 Prozent. Das Direktmandat holte Niels Annen für die SPD mit 31,6 Prozent. Sozialdemokratischer Spitzenreiter war hier 1972 Wilhelm Nölling mit 58,7 Prozent.
♦ Wussten Sie eigentlich, dass es derzeit insgesamt 116 Parteien in Deutschland gibt? An der Bundestagswahl 2017 haben 42 Parteien teilgenommen – diesmal sind es 53. Da ist von der „Europäischen Liebe“ bis zur „HipHop Partei“ alles dabei. 44 kleine Parteien wurden zur Bundestagswahl zugelassen. Neun Parteien sind automatisch dabei. ‰ Unentschlossene Wähler finden indes eine kostenlose Hilfestellung durch den Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Mit dem Wahl-O-Mat können Sie online Ihre eigene politische Einstellung mit den Positionen der Parteien vergleichen.

Das Tool wird am 2. September freigeschaltet unter www.bpb.de

 

Weitere Infos und Fakten rund um die Wahl können Sie auch hören – der Podcast des Hamburger Wochenblatts macht’s möglich. In zwölf Folgen – Start war am 14. August, fünf sind schon online – bieten wir immer mittwochs und samstags neue Hintergründe zum Immer-wieder-Hören.

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