16. September 2021
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„Es ist die Zeit für Veränderungen“

Farbe bekennen: Erstwähler Leon Witte über die Rolle der Jugend bei der Wahl

Wahl

Zu den Wahlberechtigten gehören etwa 2,8 Millionen Erstwählende – ein Anteil von 4,6 Prozent an allen Wahlberechtigten. Wer nach der Wahl 2017 volljährig wurde, ist erstmals dabei Foto: GettyImages

HAMBURG Im Rahmen der Serie zur Bundestagswahl hieß es für die Hamburger Spitzenkandidaten der Parteien SPD, CDU, Grünen, Linken und FDP „Farbe bekennen“. Heute kommt ein Erstwähler zu Wort.

Erstwähler/-innen nehmen in der Analyse von Wahlen eine wichtige Rolle ein. Nun bin ich bei der Bundestagswahl ein Erstwähler und muss feststellen: Außer den Grünen, die mir einen Brief geschickt haben, hat sich keine Partei aktiv um mich bemüht. Es ist naiv zu denken, alle Spitzenkandidat/-innen würden mich besuchen, um mich von sich zu überzeugen. Aber ich finde es bemerkenswert, dass der Auftritt der Parteien in meiner Altersgruppe kaum stattfindet.

Vor allem dann, wenn man nicht ein Grundinteresse für Politik mitbringt. Politische Parteien sind in meinem Leben kaum vertreten. Sämtliche Versuche, die Jugend abzuholen wirken peinlich – Politiker/-innen auf TikTok oder Instagram funktionieren nicht. Über die Jugend wird geredet, nur mit uns redet keiner. Es könnte etwa explizite Umfragen unter jungen Menschen geben – die dann auch politisch berücksichtigt werden. Denn am Ende geht es um Entscheidungen, die unser Leben dominieren
werden.

„Wille zum Wandel unter Jüngeren“

Dennoch ist die Gesellschaft politisiert. Gerade unter jüngeren Menschen besteht ein Wille zum Wandel. Wir stehen an mehr als an einem Scheidepunkt – wir stehen mit dem Rücken zur Wand und vor uns klafft der Abgrund. Die vergangenen Jahre waren dominiert von fliehenden Menschen, Kriegen, Terrorismus und rassistischer Hetze. Wir zerstören unseren Planeten und können nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Dazu kommt eine Pandemie, die unseren kompletten Alltag bestimmt.

Der Bundestag ist hauptsächlich besetzt mit älteren weißen Männern. Ein Spiegelbild der Gesellschaft ist das nicht. Der Bundestag sollte doch ganz Deutschland repräsentieren. Ich wünsche mir Entscheidungen, die dem Ernst der Lage angemessen sind. Entscheidungen, die vielleicht kontrovers und unpopulär sind, die aber zur Lösung und Bekämpfung von Krisen führen. Ich denke, meine Generation darf Taten fordern.

Aufgewachsen mit Kanzlerin Merkel

Diese Wahl wird für mich als Erstwähler nicht leicht. Die einzige Kanzlerin, die ich bewusst erlebt habe, ist Angela Merkel. Was die CDU/CSU inhaltlich will, ist mir bis heute nicht klar – es scheint um einen Zustand für Deutschland zu gehen, in dem alles okay ist. Armin Laschet ist dafür ein perfekter Kandidat.

Die SPD hat sich nicht erst 2017 das Genick gebrochen. Die Große Koalition hat der Partei geschadet. Nun liegt die Hoffnung auf Olaf Scholz. Doch ich sehe in ihm keinen Kämpfer für Veränderung.

Die FDP hätte beweisen können, dass sie regierungsfähig ist. Der Mut fehlte 2017. Wieso sollte man denjenigen, die vor der Verantwortung zurückgeschreckt sind, nun die Geschicke des Landes anvertrauen?

Die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels haben den Grünen in die Hände gespielt. Trotz Problemen im Wahlkampf wäre es spannend zu sehen, wie eine Regierung unter Teilnahme der Grünen aussähe.

Die Linke hat häufig gute Ideen, nur umsetzbar müssten sie sein. Da fehlt mir zu oft der Plan. Andere demokratische Parteien, die das Potenzial hätten, in Regierungsverantwortung zu kommen, gibt es nicht.

Es steht eine Wahl an, in der Veränderungen von Nöten sind. Zu entscheiden, ob Deutschland für Menschlichkeit, Klimaschutz und Gerechtigkeit steht – oder eben nicht. Wir alle haben die Wahl. Die Regierung muss handeln und steht unter Beobachtung. Denn bei der nächsten Wahl bin ich immer noch da.

„Schiri“ und Student

Leon Witte ist Jahrgang 1999. Der Autor der wöchentlichen Kolumne „Abgecheckt“ im Hamburger Wochenblatt wurde in Berlin geboren und hat 2018 sein Abitur am Gymnasium Hummelsbüttel abgelegt. Seit 2019 studiert er an der Uni Hamburg Politikwissenschaften, aktuell im fünften Semester. Sein Berufsziel ist Lehrer oder eine Beschäftigung im Bereich der politischen Bildung. In seiner Freizeit ist er als Fußballtrainer und Schiedsrichter aktiv und spieltKlavier.

Wahl 2
Leon Witte, Erstwähler Foto: privat
Wahlkreis 23 von der Fläche her der Grösste

♦ Wenn am 26. September die 20. Bundestagswahl steigt, sind in Hamburg rund 1,3 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Die Hansestadt ist unterteilt in sechs Wahlkreise mit 1268 Wahllokalen.
♦ Der Wahlkreis Hamburg-Bergedorf – Harburg (23) ist der flächenmäßig größte und umfasst das Gebiet der Bezirke Bergedorf mit Allermöhe, Altengamme, Bergedorf, Billwerder, Curslack, Kirchwerder, Lohbrügge, Moorfleet, Neuallermöhe und Neuengamme und Harburg mit Altenwerder, Cranz, Neuenfelde, Moorburg, Eißendorf, Francop, Gut Moor, Harburg, Hausbruch, Neugraben-Fischbek, Heimfeld, Langenbek, Marmstorf, Wilstorf, Sinstorf, Neuland und Rönneburg sowie vom Bezirk Hamburg-Mitte den Stadtteil Wilhelmsburg. 221.602 Wahlberechtigte können ihre Stimme abgeben.
♦ Wussten Sie eigentlich, dass es im Bundestag nicht nur bierernst zu geht? Der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) etwa mahnte im Oktober 2006 den FPD-Politiker Daniel Bahr: „Herr Kollege Bahr, Sie denken daran, dass Sie nur eine begrenzte Redezeit zur Verfügung haben. Sie reicht nicht aus, wenn Sie jetzt mit der Verlesung des Dudens beginnen.“
♦ Unentschlossene finden eine kostenlose Hilfestellung durch den Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Mit dem Wahl-O-Mat können Sie online Ihre eigene politische Einstellung mit den Positionen der Parteien vergleichen.

www.bpb.de

Infos und Fakten rund um die Wahl können Sie auch hören – der Podcast des Hamburger Wochenblatts macht’s möglich. In zwölf Folgen – Start war am 14. August, elf sind schon online – bieten wir mittwochs und samstags neue Hintergründe zum Immer-wieder-Hören unter https://hamburgerwochenblatt.de

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