30. Juli 2022
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„Auf schöne Dinge fokussieren“

Interview zur Gemütslage der Nation mit Glücksministerin Gina Schöler

ZUR PERSON Gina Schöler, Jahrgang 1986, ist Trainerin, Speakerin und Autorin im Bereich Zufriedenheit, Positive Psychologie und Lebensgestaltung. Sie leitet die bundesweite Initiative „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“ und ruft mit bunten Aktionen und Angeboten dazu auf, das „Brutto-Nationalglück“ zu steigern. Weitere Infos unter www.ministerium fuerglueck.de

HAMBURG Krieg in der Ukraine, steigende Energie- und Lebensmittelkosten, dazu Corona und der Klimawandel. Die aktuelle Lage drückt ganz schön aufs Gemüt. Wie soll man da eigentlich noch glücklich sein? Das haben wir Gina Schöler, selbsternannte „Ministerin für Glück und Wohlbefinden“, gefragt.

Hamburger Wochenblatt: Was macht die Dauerbefeuerung mit schlechten Nachrichten eigentlich mit uns?
Gina Schöler: Die Zufriedenheitswerte der Deutschen sind in den vergangenen beiden Jahren verständlicherweise in den Keller gerast. Wir sind so programmiert, dass negative Informationen viel schneller aufgenommen und im Gehirn abgespeichert werden, sie sind sehr viel präsenter als das Gute. Bei all dem Trubel von außen ist es also ratsam, sich jetzt erst recht auch auf die schönen Dinge zu fokussieren und sie sich bewusst vor Augen zu führen und sogar zu kreieren und zu gönnen. Da gibt es nämlich trotz allem so viel Gutes und manchmal sind es eben auch ganz kleine Momente, die der Seele guttun.

WB: Was hilft gegen die Angst und Unsicherheit, die viele von uns spüren?
Schöler: Das Zauberwort heißt Akzeptanz: Insbesondere, wenn wir in schwierigen Situationen stecken, die sich nicht ändern lassen, ist es ratsam, diese erst einmal anzunehmen, ohne etwas dagegen zu unternehmen. So gilt es Krisen zu realisieren, anzukommen, sie anzunehmen und für sich einzuordnen. So wie wir Situationen annehmen sollten, ist es auch wichtig, unsere Gefühle zu akzeptieren. Dass das nicht so einfach ist, merke ich bei meinem kleinen Sohn. Wir tendieren dazu – bei Kindern und bei uns übrigens auch – vermeintlich negative Gefühle direkt wieder in positive umwandeln zu wollen, das funktioniert vielleicht kurzfristig, ist aber nicht nachhaltig für das Glück. Es gilt, all unsere Gefühle zuzulassen, zu erkennen, zu benennen, zu akzeptieren und somit dann auch wieder ziehen zu lassen. Alles andere geht in Richtung Verdrängung oder Selbstoptimierung und das ist nicht gesund, sondern „toxische Positivität“.

WB: Wodurch und wie soll man aktuell noch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken?
Schöler: Dazu kommen wir von der Akzeptanz in den Aktionismus. Hier geht es um das aktive Tun, um die Übernahme von Verantwortung, darum, ein Vorbild zu werden und Mut zu machen. Das hilft uns dabei, wieder mehr Kontrolle zu erleben. Denn genau das fehlt uns ja häufig in Krisenzeiten durch die gefühlte Machtlosigkeit oder die Ungewissheit. Dabei kommt es gar nicht darauf an, wie groß oder wichtig das ist, was wir tun. Relevant ist, dass wir etwas tun und so aktiv der Schockstarre entgegenwirken. Schaut, wo ihr etwas zum Guten hin verändern könnt: Was liegt euch am Herzen? Schaut im nächsten Schritt: Was könnt ihr besonders gut? Welche Tätigkeiten machen euch Freude? Optimismus ist aktuell viel Arbeit, es ist anstrengend, aber es lohnt sich und ist sogar absolut notwendig. Gerade jetzt sind Hoffnungsschimmer und Lichtblicke so wichtig.

WB: Wie definiert man momentan Glück?
Schöler: Eine meiner persönlichen Glücksdefinitionen lautet: „Glück ist Veränderung. Alles ist im Wandel, im Fluss. Glück besteht darin, dies anzunehmen und im Positiven für sich zu nutzen.“ Gerade in schwierigen Phasen des Lebens hilft es mir enorm, eine solche Perspektive einzunehmen. Sich selbst gut zuzureden und zu sagen, dass es normal ist, dass nicht immer alles normal ist. Gerade Glück zu empfinden, ist nicht selbstverständlich und alles andere als leicht – und doch wichtiger denn je. Es geht aktuell darum, überhaupt klarzukommen und den Kopf über Wasser zu halten – ohne im Tsunami der schlechten Nachrichten unterzugehen.

Da es sehr wichtig und richtig ist, sich Hilfe zu holen, wenn man das Gefühl hat, aus dem Tief nicht mehr herauszukommen, oder wenn die Seele einfach
wirklich weh tut, hier ein paar Kontaktadressen:
♦ Telefonseelsorge: T 0800/111 01 11 /111 02 22, www.telefonseelsorge.de
♦ Krisenchat: www.krisenchat.de
♦ U25: www.u25-deutschland.de
♦ Jugendnotmail: www.jugendnotmail.de
♦ Therapieplatz finden: www.therapieplatz-finden.de

 

Kreatives Mitmachbuch

Hamburg Glücklich sein ist eigentlich gar nicht schwer – das zeigt Gina Schöler in ihrem Mitmachbuch „Glück doch mal!“. In diesem Buch überrascht sie mit 99 interaktiven und inspirierenden Aufgaben, sich selbst sein Glück perfekt zu machen. Unterhaltsam, spielerisch und abwechslungsreich sind die illustrierten kleinen Challenges für den Alltag, die wissenschaftlich fundiert sind – basierend auf Erkenntnissen der Glücksforschung, Positiven Psychologie, dem Systemischen Arbeiten oder Neurobiologie. Mit etwas Mut und ganz viel Spaß sorgt dieses Mitmachbuch für echte Glücksmomente – und jeder kann selbst etwas dafür tun. (wb)

Verlag, Groh, 15 Euro, ISBN: 4036442009086

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