15. April 2020
Hamburg

Lehren aus der Vergangenheit

Cholera sowie Pocken und Spanische Grippe forderten Tausende Opfer

Cholera

Eine Desinfektions-Kolonne während der Cholera Epidemie von 1892 Fotos: Medizinhistorisches Museum

HAMBURG Die Corona-Epidemie und ihre Folgen haben Hamburg fest im Griff. Es ist nicht die erste Epidemie, die Hamburg heimgesucht hat. Viele Infektionskrankheiten haben hier schon gewütet, haben Tausende von Todesopfern gefordert.

Die schlimmste war die Cholera-Epidemie von 1892, weil diese Krankheit damals in Europa schon als besiegt galt. Doch mangelhafte hygienische Verhältnisse in Hamburg ließen sie insbesondere in den Massenquartieren der Armen, den Gängevierteln, problemlos Opfer finden. 16.956 Menschen erkrankten, 8605 starben. Nachdem der Senat die ersten Krankheitsfälle noch nicht als Teil einer Epidemie erkannt hatte, öffnete der renommierte Arzt Robert Koch der Regierung die Augen. Koch war von der Reichsregierung, alarmiert von mehr als 1000 Erkrankter, als „Reichs-Commissar für die Gesundheitspflege im Stromgebiet der Elbe“ nach Hamburg geschickt worden. Er bestätigte den Ausbruch einer Cholera, die über verunreinigtes Trinkwasser in die Haushalte gekommen war, und konnte nicht fassen, dass er sich in Europa befand. Nun wurden Schulen geschlossen und Versammlungen verboten. Der Handel mit Hamburg kam zum Erliegen. Erst nach etwa acht Wochen gab es keine Neuerkrankungen mehr.

Unter dem Behörden-Radar

Heftig wütete 1918 auch die Spanische Grippe, wie Corona eine weltweit auftretende Pandemie, die am Ende des Ersten Weltkriegs fast nicht bekämpft wurde. Sie fand „unter dem Radar der Behörden“ statt, sagt Professor Philip Osten, Leiter des Medizinhistorischen Museums auf dem UKE-Gelände. Daher existieren auch keine Zahlen über Erkrankte und Opfer.

Aber auch viele Kinderkrankheiten wie Pocken, Masern und Kinderlähmung traten als Epidemien regelmäßig in Deutschland auf. Zeitweise starb die Hälfte der Erkrankten. „Die Pocken traten alle fünf Jahre auf, immer wenn noch nicht immunisierte Kinder geboren waren“, berichtet Professor Osten.

Erst 1973 galten die Pocken hierzulande als endgültig besiegt. An Masern starben im Deutschen Kaiserreich rund 45.000 Kinder im Jahr, 20-mal mehr in den ärmeren als in wohlhabenden Vierteln. Auch die Tuberkulose, die meistens die Lunge befällt, trat bis 1951 in Hamburg verstärkt in den Gängevierteln auf.

Menschliches Handeln oder Nichthandeln hatte oft erheblichen Einfluss auf den Verlauf der Epidemien und Pandemien. So verzögerten Hamburgs Verantwortliche im 19. Jahrhundert den Bau der Trinkwasseraufbereitungsanlage Kaltehofe in Rothenburgsort und beförderten dadurch den Ausbruch der Cholera-Epidemie, von der die Nachbarstadt Altona verschont blieb. Derartige Vorwürfe muss sich der heutige Senat nicht machen lassen.

 

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