30. Oktober 2021
Hamburg

„Häufigster Risiko-Ort ist die Familie“

„Basis-Praevent“ Beratungsstelle für Opfer sexualisierter Gewalt

Clemens Fobian auf dem Balkon der Beratungsstelle basis-praevent in St. Georg, für die er seit 2010 tätig ist Foto: Fraude

HAMBURG Es ist die einzige Beratungsstelle ihrer Art in Hamburg, und auch in anderen deutschen Städten sind nur wenige darauf spezialisiert: Das seit 2010 bestehende Angebot von basis-praevent“, deren Räume sich ebenso wie der Trägerverein basis&woge am Steindamm 11 in St. Georg befinden, richtet sich an Jungen und Männer, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind, sowie an ihre Angehörigen.

Das zweiköpfige Team führt auch Präventions- und Fortbildungsveranstaltungen, Beratung von Institutionen sowie die Schulung von pädagogischem Personal und Ehrenamtlichen durch. Die Taten, zu 80% von Männern verübt, bei denen Macht und Gewaltfantasien meist die Triebfeder sind, können aktuell sein oder schon viele Jahre zurückliegen – pro Tag gibt es durchschnittlich fünf Beratungsfälle. „Der bisher jüngste Betroffene war ein zwei Monate altes Kind, der älteste ein 77 Jahre alter Mann“, berichtet Sozialpädagoge Clemens Fobian (37), der neben seiner Arbeit (gemeinsam mit Rainer Ulfers) bei basis-praevent auch als Lehrbeauftragter tätig ist.

Viele kämen erst sehr spät in die Beratung, weil sie zunächst keine Worte für erlittenes Leid fänden. Frauen seien zahlenmäßig doppelt so hoch betroffen, gleichwohl sei ein spezifisches Angebot für das männliche Geschlecht wichtig, betont Fobian. Aufgrund eines immer noch traditionellen Rollen- („Helden“)-Bildes täten sich Jungen schwerer, über sexualisierte Gewalterfahrung zu sprechen: Die Bearbeitung ihrer traumatischen Erfahrungen sei daher insbesondere ein „Männlichkeitsthema“. Wichtig sei deshalb auch, dass sich Männer ihrer beratend annähmen. Das alles steht nicht im Widerspruch dazu, dass es eine enge Zusammenarbeit mit einschlägigen Fachberatungsstellen für Mädchen und Frauen gibt.

„Der häufigste Risikoort stellt die Familie dar“, betont Clemens Fobian, der ein Buch über „Geheimnisse“ (mit) herausgegeben hat, das Kinder bestärken soll, sich in unangenehmen Situationen Hilfe zu holen. Weil engste Bezugspersonen oft die Täter seien, laufe auch der Appell an Kinder, „nicht mit jedem mitzugehen“, ein Stück weit ins Leere.

Die wenigsten seiner Klienten hätten die Taten bisher angezeigt, und zwei Drittel haben über das Erlebte bisher noch nie gesprochen. Die Dunkelziffer im Hinblick auf sexualisierte Gewalt liegt laut Fobian bei 1:20. Nachdem das Thema eine Zeit lang „Konjunktur“ gehabt habe, werde es momentan weniger besprochen. Der erfahrene Therapeut weiß aber, dass „das Telefon wieder häufiger klingelt“, auch weil (Neu-)Betroffene wissen, wohin sie sich wenden können, wenn ein Beitrag wie dieser erscheint.

Telefonischer Kontakt: 040/39 84 26 62 (Rückruf wochentags innerhalb von 24 Stunden bei Hinterlassen einer Nachricht). Internet unter: www.basis-praevent.de

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