30. September 2021
Hamburg

Ein Kind in der Schraubzwinge

Mahnmal am Lagerhaus G

Kunst

Carsten Bardehle bei der Ankunft der Schraubzwinge am Lagerhaus G Foto: Dagmar Gehm

HAMBURG Rund 500 Stunden hat er an der Skulptur gearbeitet. Nahtlos scheint sie jetzt mit dem rostbraunen Mauerwerk zu verschmelzen. Bis auf die Figur des Kindes in KZ-Häftlingskleidung aus Edelstahl, die optisch aus der 5,60 Meter hohen und 600 kg schweren Schraubzwinge hervorsticht.

„Der Platz auf der Rampe ist nur vorübergehend“, betont Carsten Bardehle. Ansonsten kann sich der Schlosser im Ruhestand keinen passenderen Standort vorstellen als am Lagerhaus G am Dessauer Ufer, das von 1944 bis 1945 als Außenlager des KZ Neuengamme genutzt wurde.

So ungewöhnlich die Skulptur, so unglaublich ihre Geschichte. „Ich erfuhr, dass die damalige Schülerin Ella Nora Sloman vor 10 Jahren bei einem Ideen-Wettbewerb für ein Mahnmal zum Thema Zwangsarbeiter in der Nazizeit den ersten Preis gewonnen hat,“ sagt Bardehle. „Sie hatte einen Menschen in einer Schraubzwinge gezeichnet, war jedoch mit der damaligen Umsetzung des Entwurfs nicht glücklich. Also habe ich versucht, ihre Idee zu verwirklichen.“ Inzwischen ist Ella Nora Sloman angehende Lehrerin in Bremen: „Ich bin hellauf begeistert, sagt die 28-Jährige. „Mit dem neuen Mahnmal kann ich mich jetzt zu hundert Prozent identifizieren.“

Tausende von Juden wurden in dem Außenlager zwischen 1944 und 1945 hier interniert, 1500 Zwangsarbeiterinnen sowie niederländische, russische und italienische Deportierte. Einer von ihnen war Angelo Giacomo Mazzacani. Vor Kurzem hat er mit seiner Familie das Lagerhaus G besucht. „Mein Vater wurde wegen Widerstands gegen den ,Duce‘ Benito Mussolini angeschossen, gefangen genommen und nach Hamburg deportiert.“

Mitspracherecht

„Die Nachfahren sollen für die Gedenkstätte ein direktes Mitsprache- und Entscheidungsrecht erhalten“, sagt der Generalbevollmächtigte der Eigentümer KG, Güven Polat. 2018 hatte die heutige Lagerhaus G Heritage KG mit Zustimmung der Port Authority das 1903 entstandene, 20.000 qm große Gebäude erworben.

Im Juni 2021 wurde der Grund und Boden im Rahmen der Neugestaltung des kleinen Grasbrook von der Hafenbehörde HPA an die HafenCity GmbH übergeben. „Ich möchte die Schraubzwinge auf einen alten Güterwagen stellen, mit dem Gefangene in die KZs transportiert wurden“, wünscht sich Bardehle. „ Erst dann ist das Kunstwerk vollendet.“

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